Neuer Lebensabschnitt : Wenn man plötzlich Senior ist – über das Leben ab 60

Ab wann ist man eigentlich Senior – und was bedeutet das für das tägliche Leben?
Ab wann ist man eigentlich Senior – und was bedeutet das für das tägliche Leben?

Senioren-Skipass? Senioren-Kaffee? Unser Redakteur Gero Trittmaack über sein neues Leben.

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12. Juni 2018, 15:41 Uhr

Irgendwann kommt für jeden einmal der Tag, an dem man in eine neue Schublade eingeordnet wird – man muss nur lange genug leben. Ich hatte mein Schlüsselerlebnis im Februar beim Skilaufen im Bayerischen Wald. An der Kasse schaute mir die Verkäuferin tief in die Augen und sagte freundlich: „Sie sind doch sicher schon 60 – da habe ich für Sie den Senioren-Skipass. Der ist günstiger.“

Peng. Nichts gegen eine kleine Ersparnis, aber mir schwirrten plötzlich erschreckende Bilder durch den Kopf: Beige Klamotten, Einladungen zum Seniorennachmittag in der Gemeinde – mit Andrea Berg statt Led Zeppelin –, Fahrdienste zum Wahllokal, Bürgermeisterbesuch am Geburtstag, ein Telefon mit großen Tasten, Kaffeefahrten, heiteres Gedächtnistraining und Anrufe von Enkeltrickbetrügern.

Ich bin 62, treibe regelmäßig Sport, arbeite noch und fühle mich eigentlich sehr fit. Und nicht alt. Trotzdem muss ich mich wohl damit abfinden, als Senior eingeordnet zu werden. Immerhin hat mir bis jetzt noch niemand seinen Platz im Bus angeboten.

Ab wann ist man eigentlich Senior – und was bedeutet das für das tägliche Leben? In den Tiefen des Internets gibt es viele Definitionen. Der seriöse Duden listet Beispiele auf. Demnach kann ein Senior der ältere Teilhaber einer Firma sein oder der Älteste in seinem Umfeld. Häufig ist auch von einem Menschen die Rede, der „ein bestimmtes Lebensalter“ überschritten hat, was nicht wirklich weiterhilft.

Und dann sind da noch die vielen Internetseiten, die ein bestimmtes Interesse verfolgen. Da wird dann schon mal behauptet, dass Senioren meistens nicht mehr so beweglich sind, manchmal ohne Orientierung, langsam im Verstehen und schwerhörig. Was man halt so behauptet, wenn man Rollatoren, Hörgeräte oder Pflege verkaufen will.

Timm Heinrich aus Munkbrarup ist unparteiisch. Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Seniorenbeiräte im Kreis Schleswig-Flensburg ist 71 Jahre alt und pragmatisch. „Senioren sind alle ab 60“, sagt er knallhart, „auch wenn sie es nicht einsehen, weil sie nicht alt sein wollen.“

Heinrich gehört zu den selbstbewussten und pragmatischen Senioren, die kein Problem damit haben, als das bezeichnet zu werden, was sie sind. „Was ist schon dabei? Es gibt viele, die im Alter auf Reisen gehen, viele, die schon gesundheitliche Probleme haben, und zusammen sind wir eine Macht. Im Kreis Schleswig-Flensburg gibt es 70.000 Ältere. Ab 60.“

„Man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt.“ Diesen Satz kenne ich seit Kindertagen. Aufgeschnappt, immer wieder gehört auf Geburtstagen von Opas, Tanten und Bekannten. Was die Jubilare damit sagen wollten, habe ich damals nicht verstanden. Für mich waren sie einfach alt. Ob 45, 62 oder 77. Alt. Heute darf man „alt“ nicht mehr sagen. Man soll es nicht einmal denken. Darum sind neue Begriffe erfunden worden. Selbst der Begriff „Senior“ ist nicht mehr ohne Makel. Aus dem Altersheim wurde deshalb die Seniorenresidenz und im Bauamt des Schleswiger Rathauses spricht man nur noch ungern über seniorengerechte Wohnungen – die sind jetzt barrierefrei. Und Senioren werden zu Silversurfern, Best Agern, Oldies oder sogar Junggebliebenen. Reden wir uns die Tatsachen doch einfach schön.

Vor einigen Jahren tauchte in den Speisekarten diverser Restaurants und Lokale der Seniorenteller auf. Kleine Portionen, nicht zu scharf gewürzt und zu einem etwas geringeren Preis als das normale Essen. Nun ist der schon wieder mächtig auf dem Rückzug, ersetzt durch Angebote mit Formulierungen wie „Für den kleinen Hunger“ oder „Zwischenmahlzeit“.

Wie gehe ich damit um, plötzlich Senior zu sein? Nein, nicht wie mein Nachbar, der wutentbrannt und mit hochrotem Kopf in das Kirchenbüro stürmte, um die Einladung zum Senioren-Kaffee auf den Tisch zu knallen, die er zu seinem 65. bekommen hatte.

Wahrscheinlich ist es vielmehr Zeit, der Realität ins Auge zu sehen. Die Zipperlein werden sich ganz sicher irgendwann einstellen. Und irgendwann wahrscheinlich auch die Erkenntnis, nicht mehr so ganz jung zu sein. Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Man muss ja nicht gleich damit beginnen, die ADAC-Mitgliedszeitschrift von hinten zu lesen, um möglichst schnell zu den Anzeigen für Treppenlifte zu gelangen. Aber ich weiß schon, was ich im nächsten Skiurlaub an der Kasse sage: „Ich bin ein Senior.“

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