Claus Kuhl berichtet: : Wenn man alles verloren hat...

Ein Bild der Zerstörung: Die alte Meierei von Schnarup-Thumby am Morgen nach der Brandnacht.
Ein Bild der Zerstörung: Die alte Meierei von Schnarup-Thumby am Morgen nach der Brandnacht.

Im März brannte das Haus unseres Süderbrarup-Korrespondenten ab.

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24. Dezember 2017, 07:00 Uhr

Die Nacht vom 10. auf den 11. März werde ich nie wieder vergessen. Denn in dieser Nacht brannte unser Haus ab. Und ich kann versichern: Nach so einem Ereignis ist man ein anderer Mensch.

Ich war an diesem Abend zeitig zu Bett gegangen, um mir in Ruhe eine Fernsehsendung anzuschauen. Deshalb war ich gar nicht begeistert, als mich meine Frau wegen eines undefinierten Brandgeruchs wieder aus dem Bett holte. Doch als ich in die Garage wollte, hinter der die Heizung lag, erkannte ich bereits die Katastrophe. Mir kam dichter Rauch entgegen und im hinteren Bereich sah ich Feuerschein.

Aus der Begleitung vieler Feuerwehrübungen wusste ich, dass man auf keinen Fall ohne geeignetes Gerät in solchen Qualm hineingehen durfte. „Es brennt“, rief ich meiner Frau zu. Dann ging im ganzen Haus das Licht aus. Nur mit einer Unterhose bekleidet lief ich Hilfe holen. Wie eine Motte orientierte ich mich am Licht und klopfte meine Nachbarn heraus, die auch schon den gemütlichen Teil des Wochenendes eingeläutet hatten. Sie benachrichtigen die Feuerwehr.

Brandopfer Claus Kuhl vor dem Neubau der alten Meierei.
Kuhl
Brandopfer Claus Kuhl vor dem Neubau der alten Meierei.
 

Ich lief noch einmal in den unverqualmten Teil des Hauses zurück, griff mir das Haushaltsgeld und etwas Warmes zum Anziehen. Dann heulte auch schon die Feuerwehrsirene. Irgendwie schaffte ich mein Auto vom Hof, aber daran erinnern kann ich mich nicht mehr.

Auch meine Frau und der Freund meiner Tochter konnten sich und ihre Autos in Sicherheit bringen. Meine Tochter kam erst während der Löscharbeiten von der Arbeit nach Hause. Auch unser Kater war heil herausgekommen. Später lief er wieder ins brennende Haus und musste von einem Feuerwehrmann in Schutzkleidung gerettet werden. Nach einigen wenigen Minuten, die uns quälend lang vorkamen, rückte die örtliche Feuerwehr an und baute einen Löschangriff mit drei Schläuchen auf.

Der Brand war in einem Nebengebäude unserer alten Meierei ausgebrochen. Dort waren die elektrische Verteilung und die Heizung untergebracht. Zuerst sah alles noch recht überschaubar aus. Ich ertappte mich bei den Gedanken, dass ich an diesem Abend wohl später ins Bett kommen würde. Und dass ich in der nächsten Woche viel Zeit mit meinem Elektriker verbringen würde, um die Hauptverteilung wieder aufzubauen.

Doch die Realität sah ganz anders aus: Insgesamt fünf Feuerwehren schafften es nicht, den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Denn das Feuer war vom Neben- in das Hauptgebäude gesprungen und fand an den seit mehr als 125 Jahren ausgetrockneten Balken reichlich Nahrung. Erst der Einsatz eines Baggers, der das Dach der Meierei wegräumte und einige Mauern einriss, ermöglichte es den Feuerwehrleuten, bis an die eigentliche Brandstelle zu gelangen. Das war der Zeitpunkt, an dem wir das Gebäude, das uns mehr als 20 Jahre Heimat war, verloren gaben. Erst spät in der Nacht war das Feuer gelöscht. 320 Kubikmeter Wasser hatten die Feuerwehren in das Haus hineingepumpt.

Während der Löscharbeiten war das halbe Dorf auf den Beinen. Doch kamen die Menschen nicht als Gaffer, sondern als Helfer und Unterstützer. Es wurden Brote geschmiert und Wasserkästen geschleppt. Denn Löscharbeiten sind anstrengend. Doch die meiste Fürsorge galt unserer Familie. Die Nachbarn kümmerten sich rührend und brachten uns in ihrem Wohnzimmer unter. Wir waren keinen Moment allein. Von allen Seiten gab es Zuspruch und Mitgefühl. Und irgendwann wurde uns klar, dass wir alles verloren hatten und auf die Hilfe angewiesen waren.

Das Gefühl, alles verloren zu haben, ist anders als wenn ein Fotoapparat verloren geht oder ein Auto zu Schrott gefahren wird. Dann kann man sich auf den Einzelfall konzentrieren, kann sich auch ärgern oder es bedauern. Wir empfanden nach dem Feuer nur ein dumpfes Gefühl – die Verluste waren so groß, dass wird sie einfach nicht überschauen konnten.

Was uns überraschte und berührte, war das große Maß an Hilfsbereitschaft, das aus dem Dorf kam. Schon früh am Abend der Brandnacht hatten wir Angebote zur Übernachtung. Später erhielten wir Spenden von Kleidung und Lebensmitteln. Selbst Sammlungen wurden für uns veranstaltet.

Doch neben diesen Reaktionen gab es auch andere. „Ich wäre gerne abgebrannt, wenn dafür meine Frau keinen Krebs mehr hätte“, meinte einer unserer Freunde. Das rückte die eigene Situation für uns wieder in ein anderes Licht.

Die nächsten vier Monate griffen aber die Nerven an. Denn so lange brauchten die Gutachter, um zu einem Ergebnis über die Schadenshöhe zu kommen. Und genauso lange durfte an der Ruine substanziell nichts verändert werden. Einziger Lichtblick war, dass wir in dieser Zeit herausfanden, dass doch nicht alles verloren war. Gläser, Geschirr und Besteck konnten zum größten Teil nach einem Spülmaschinengang wieder benutzt werden. Selbst viele elektrische Geräte funktionierten noch. Unter ihnen war meine Kamera, die offen auf dem Schreibtisch gelegen und Unmengen Wasser abbekommen hatte. Nur mein Computer hat nicht überlebt. Aber die Sicherungsplatte sorgte dafür, dass meine Arbeit als Journalist weitergehen konnte. Doch die gesamte Zeit schienen uns die alten Mauern traurig und vorwurfsvoll anzusehen. Das Haus zerfiel, Schimmel bildete sich auf allen Holzteilen, im Wohnzimmer siedelten sich Riesenpilze an. Wir waren froh, als endlich der Abbruchbagger loslegen konnte und das Elend beseitigte. Denn wir wollten an gleicher Stelle wieder bauen. Vier Wochen dauerte es, bis die letzten Reste der alten Mauern verschwunden waren. Von vielen bedauert wurde auch der Abriss des Schornsteins, der so etwas wie das Wahrzeichen von Schnarup-Thumby war.

Dann schlug das Pech noch einmal zu. Der Baugrund war nicht fest genug und teilweise mit Öl kontaminiert. 2200 Tonnen Sand mussten angefahren werden, um das Loch wieder aufzufüllen. Das kontaminierte Material musste sogar auf eine Sonderdeponie abgefahren werden.

Doch abgesehen von dem beständigen Regenwetter läuft seitdem alles glatt. Wir haben inzwischen Richtfest gefeiert und die Versicherung, die das ganze Projekt finanziert, spielte auch mit. Nachbarn und Passanten loben die Geschwindigkeit des Baus und das Aussehen des neuen Hauses.

Und auch für uns setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass hier unser Traumhaus entsteht mit viel Platz zum Leben, seniorengerecht und nach neuesten technischen Regeln wärmegedämmt. Wir hoffen, dass wir im März dort einziehen und dem sehr rational hergestellten Bau eine Seele geben können.

Und doch bleibt unterschwellig eine elementare Angst zurück. Denn die Brandursache konnte nicht endgültig geklärt werden. Die Untersuchung des Landeskriminalamtes endete mit dem Befund „Technischer Fehler“. Und das heißt, dass jederzeit und ohne Vorwarnung das gleiche wieder passieren könnte.

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