zur Navigation springen

Kranken-Fahrdienst aus Angeln : Wenn der Traum zum Albtraum wird

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Da die Krankenkassen keine Verträge mit ihrem privaten Krankenfahrdienst schließen, steht eine Klappholzer Familie kurz vor der Pleite.

shz.de von
erstellt am 23.Okt.2017 | 14:00 Uhr

Mit dem Umzug nach Schleswig-Holstein wollten sich Yvonne Jablonski und Markus Olschewski einen Traum erfüllen, wollten mit dem privaten Krankenfahrunternehmen, mit dem das Paar in Nordrhein-Westfalen elf Jahre lang selbstständig war, auch im Norden erfolgreich sein. Doch knapp eineinhalb Jahre nach dem Umzug ist klar: Ihr Leben wurde in der neuen Heimat zum Albtraum.

Die Zwei hatten sich einst bei der Arbeit kennen gelernt. Beide waren damals im Rettungsdienst tätig. „Die Arbeit im sozialen Bereich war uns immer wichtig“, erklärt Olschewski. „Es war immer unser beider Traumjob, älteren und kranken Menschen zu helfen.“ 2005 wagte das Paar dann den Schritt in die Selbstständigkeit. Mit einem privaten Krankenfahrunternehmen machten sie sich in ihrer Heimat einen Namen. Dabei beförderten sie Menschen, die zwar zu schwach für die Fahrt in einem normalen Taxi waren, jedoch noch nicht in einem voll ausgestatteten Krankenwagen befördert werden mussten.

Finanziell stellten sich die zwei mit ihrer Firma gut auf, gründeten eine Familie und wollten sich im Februar 2016 dann ihren Lebenstraum erfüllen. „Wir haben schon früher häufiger Urlaub im Norden gemacht und uns dann letztlich dafür entschieden, komplett mit Kindern und dem Unternehmen hierher zu ziehen“, so Olschewski. „Wir hatten uns natürlich vorher informiert, ob es hier überhaupt genügend Bedarf nach Krankenfahrten gibt“, erklärt er. Mit dem Ergebnis: Die Nachfrage sei vorhanden gewesen.

In Sörup fanden sie ein passendes Haus mit genügend Platz für die fünfköpfige Familie, Raum für Büros und Stellplätze für die drei Wagen des Unternehmens. Auch die Betriebsgenehmigung erhielten sie vom Kreis ohne Probleme. Doch nach dem Umzug dann der Schock: Keine einzige Krankenkasse wollte ihrem Unternehmen einen Vertrag geben. Ohne solche Verträge war die Aufnahme des Betriebs jedoch unmöglich, da niemand die Kosten für die Fahrten übernahm. „Wir wurden aus den banalsten Gründen abgewiesen und uns wurde sogar gesagt, diese Art von Patientenfahrdienst sei in Schleswig-Holstein Aufgabe des Rettungsdienstes“, so Olschewski.

Nicht rechtens sei das seiner Ansicht nach. Ihm zufolge würde der sogenannte Kontrahierungszwang laut Sozialgesetzbuch die Krankenkassen dazu verpflichten, mit Krankenfahrunternehmen Entgeltvereinbarungen zu treffen.

Das sieht auch Armin Tank vom Verband der Ersatzkassen in Kiel ähnlich: „In diesem Segment gibt es einen freien Markt. Einziges Ausschlusskriterium sind eigentlich nicht ausreichend ausgestattete Autos.“ Ihre Wagen seien jedoch in einwandfreiem Zustand, versichert Olschewski. „Das unsere Autos der Norm entsprechen, hat uns auch der Kreis bei der Erteilung der Fahrgenehmigung bescheinigt.“ Zudem handele es sich ja lediglich um einen Unternehmensumzug, erklärt er. „In Nordrhein-Westfalen hatten wir jahrelang Verträge mit den Krankenkassen. Die sind hier oben jedoch nicht gültig.“

Olschewski vermutet einen anderen Grund für die Absage der Kassen: In ganz Deutschland gebe es hunderte von solchen privaten Krankenfahrunternehmen. Nur in Schleswig-Holstein sei das anders. „Hier hat ein Unternehmen eine Monopolstellung. Kann gut sein, das sie uns deswegen nicht auf den Markt lassen wollen.“

Seit 21 Monaten ist es dem Paar inzwischen nicht möglich, ihren Betrieb weiterzuführen. Zurück nach Nordrhein-Westfalen wollen sie aber auch nicht: „Wir wollen für unser Recht kämpfen und wollen, dass möglichst viele erfahren, wie hier mit uns umgegangen wird.“ Mittlerweile sei es bei der Familie nämlich kurz vor zwölf. „Wir mussten viel Geld in den Erhalt unser Firma stecken.“ Der Familienvater arbeitet mittlerweile ehrenamtlich bei der Tafel. Auto und Handys mussten sie abgeben und auch die Miete ihres Söruper Haus konnten die zwei nicht weiter bezahlen. Mittlerweile leben sie daher in einer deutlich kleineren Doppelhaushälfte in Klappholz.

In einer Klage gegen eine der Krankenkassen sah das Paar seinenn letzten Ausweg – mit vorerst positivem Ausgang. Zumindest von einer Krankenkasse liegt seitdem ein Vertrag vor. „Wir hatten vermutet, dass nach dieser einen Kasse auch die anderen nachziehen, aber dazu kam es bisher nicht“, erklärt Olschewski. Und lediglich mit den Patienten einer Kasse könne das Unternehmen nicht überleben – immerhin über hundert gesetzliche Krankenkassen gebe es in Deutschland.

Auf weitere Verträge will das Paar vorerst allerdings nicht klagen. Mittlerweile sehe es finanziell so schlecht aus, dass es kaum möglich sei, den Betrieb wieder aufzunehmen. Ihr Recht einfordern, dass wollen die beiden aber schon. „Wir wollen immerhin das zurück, was wir durch die Umstände verloren haben,“ so Olschewski, „und dabei können wir jede Hilfe gebrauchen, die wir kriegen können.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen