Schülertheater : Was ist schon normal?

Die Darsteller finden sich unfreiwillig in einem Experiment wieder. Für gehörlose Zuschauer übersetzte ein Dolmetscher. (r.)
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Die Darsteller finden sich unfreiwillig in einem Experiment wieder. Für gehörlose Zuschauer übersetzte ein Dolmetscher. (r.)

Sehbehinderte und blinde Schüler setzen sich in einem Theaterstück mit Ausgrenzung im Alltag auseinander.

shz.de von
31. Januar 2018, 07:00 Uhr

„Normal, unnormal, scheißegal!“, schallt es gestern von der Bühne in der Aula der Landesförderzentren an der Lutherstraße. 18 sehbehinderte und blinde Schüler aus ganz Schleswig-Holstein und aus nahezu allen Schularten haben an einem neuntägigen Theaterkurs teilgenommen. Jetzt feiern sie die Premiere ihres Stückes „Eigenartig normal“. Unter den Zuschauern waren unter anderem Schüler der Georg-Wilhelm-Pfingsten Schule für Gehörgeschädigte sowie angehende Erzieher aus dem BBZ, die im Anschluss an die Vorstellung noch einige Fragen an die Darsteller im Gepäck hatten.

In dem Bühnenspiel geht es um die Frage, wer eigentlich als normal und wer als unnormal angesehen wird – und was das für die Stellung in unserer Gesellschaft bedeutet. Dazu inszenieren die Schüler das Stück in Form eines wissenschaftlichen Experiments.


Erinnerungen an Reality-Fernsehshows

Die Hauptbühne ist den unfreiwilligen Teilnehmern des Versuchs gewidmet, auf zwei Nebenschauplätzen werden zur linken Seite der Bühne die drei ehrgeizigen, aber durchaus uneinigen Forscher dargestellt. Auf der rechten Seite findet sich eine Familie, die sich die Live-Übertragung des Experiments à la Big Brother im Wohnzimmer zu Gemüte führt. Was ebenfalls an die Realityshow erinnert, sind die Versuchsanordnungen und Aufgaben, die die Wissenschaftler der Gruppe von äußerst unterschiedlichen Jugendlichen geben.

Unter anderem soll die Gruppe sich selbst in „normal“ und „unnormal“ einteilen, die „Normalen“ dürfen das unheimliche Experiment am nächsten Tag verlassen.

Unter den Jugendlichen geht es schnell um Hierarchie, wer ist seltsam, wer normal und warum, wodurch ein spannender und gleichzeitig hinterfragbarer Prozess in Gange kommt, der so manch einem Zuschauer aus dem Alltag bekannt vorkommen könnte.

Der Grundstein für die Eigenproduktion wurde in einem Vorbereitungswochenende im Dezember gelegt. Dort kam das Thema Ausgrenzung im Rahmen von Improvisationstheater und Diskussionen zur Sprache. „So ist das grobe Gerüst entstanden, woraus wir dann dieses Theaterstück entwickelt haben“, erklärt Spielleiter Karl Elbl, der seit 18 Jahren den Theaterschwerpunkt für Sehgeschädigte anbietet. In dem neuntägigen Theaterkurs wurde dann ausgiebig geprobt und bis zuletzt an dem Stück gefeilt. „Gerade über den Schluss wurde lange diskutiert und am Ende abgestimmt. Die Schüler stecken da wirklich viel Herzblut rein“, sagt Elbl.

Obwohl es bis zum Ende nicht so aussieht, entscheidet sich die Gruppe schließlich gegen die Ausgrenzung. Somit darf entweder niemand das Experiment verlassen oder alle – getreu der Parole „normal, unnormal, scheißegal“, womit das Stück dann abrupt endet.

Im Anschluss hatten Zuschauer die Möglichkeit, den Schauspielern Fragen zu stellen. Die angehenden Erzieher des BBZ zeigten sich beeindruckt von der Aufführung. „Was würdet ihr uns beruflich mit auf den Weg geben?“, lautet eine Frage.


BBZ-Schüler stellen den Schaupielern Fragen

„Wenn es um Mobbing oder Ausgrenzung geht, sind es nicht wir, sondern häufig die Nichtbehinderten, die Aufklärung benötigen“, erklärte einer der Schauspieler. Außerdem solle man auf sie zukommen, mit ihnen reden, fragen, was sie können und was nicht und sie vor allem nicht bevormunden.
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