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Neue Kritik am Helios-Klinikum Schleswig : „Was im Krankenhaus passiert, ist menschenunwürdig“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Volle Windeln, blutiges Laken: Eine Schleswigerin schildert in einem offenen Brief, wie es ihrem Großvater (90) im Helios-Klinikum erging.

Schleswig | Die Berichterstattung der SN über Pflege-Missstände und mangelnde Sauberkeit im Schleswiger Helios-Klinikum haben Anfang des Jahres hohe Wellen geschlagen. Ende März räumte Helios-Geschäftsführer Florian Friedel daraufhin seinen Posten. Dem Vernehmen nach wollte er weitere Einsparungen beim Personal nicht mittragen. Im Juli folgte ihm Dr. John Friedrich Näthke als neuer Chef nach. Zur Ruhe gekommen ist das Krankenhaus jedoch nicht. Die Rede ist von unzufriedenen Krankenschwestern und -pflegern, und auch die Patientenbeschwerden reißen nicht ab. Immer wieder wenden sich Leser an unsere Zeitung und schildern ihre Fälle – so wie die Schleswigerin Kristina Forberg. Sie wollte nicht einfach hinnehmen, wie man mit ihrem 90-jährigen Großvater im Krankenhaus umging. Deshalb schrieb sie nachfolgenden offenen Brief an Geschäftsführer Näthke:

„Herr Dr. Näthke,

Ihnen und Ihren Vorgängern scheinen die vielen Patientenbeschwerden Anfang des Jahres nicht im geringsten eine Lehre gewesen zu sein – obwohl Sie die Missstände in ihrem Haus aus dem Weg räumen wollten! Denn was meinem Großvater grade in Ihrem Haus passiert, ist menschenunwürdig und unzumutbar!

Mein neunzig Jahre alter Großvater wurde am Sonntagabend, 16. August, verwirrt, mit Erbrechen und Verdacht auf eine Lungenentzündung in das Helios-Klinikum Schleswig eingeliefert. Seitdem liegt er auf der Station 6 der Gastroenterologie und ist den Zuständen in dieser Klinik ausgeliefert. Die vorherrschenden Missstände müssen öffentlich gemacht werden, und dies tue ich hiermit, denn es ist nicht das erste mal, dass mein Opa unter solchen Umständen eigentlich genesen sollte.

Er lag an zwei Tagen stundenlang im nassen Bett, mit übervoller Windel, mit blutigem Laken. Am ersten Tag wurde die völlig überforderte Schwester darauf hingewiesen, dass er sich allein im veralteten Krankenbett nicht aufrichten kann, nur bedingt die Urinente benutzen kann und von der Pflegestufe 2 in Richtung 3 tendiert und somit Hilfestellungen benötigt. Trotzdem wird er völlig allein gelassen! Man setzte ihn auf die Toilette und sagte ihm, er sollte sich gedulden, man hätte keine Zeit ihn gleich wieder ins Bett zu bringen oder gar die dreckige Bettwäsche zu wechseln. Wäre meine Mutter nicht da gewesen, um ihm vom Klo zu helfen, wäre das nasse Bett und die volle Windel vom Vortag nicht einmal aufgefallen!!! Mein Großvater musste einige Zeit frierend auf ein neues Bett warten. Hinzu kommt, dass er aufgrund eines Dekubitus am unteren Rücken besonderer Pflege bedarf! Die Windel trägt er übrigens nur für den Notfall und wurde noch nie gebraucht, aber in Ihrem Krankenhaus muss ein erwachsener Mann sich so erniedrigen, weil Ihr Personal es nicht schafft, eine volle Urinente zu wechseln bzw. einem hilfebedürftigen Mann ins Bad zu helfen! Die Schwester speiste meine Mutter ab, spielte die Situation aufgrund von Zeitnot herunter  ...

Am nächsten Tag das Gleiche: Das Bett war wieder nass, voller altem Kot und getrocknetem Blut, zudem ein seit Mittag leerer Tropf im Arm und eine bis an den Rand volle Urinente. Eine versprochene neue Bettdecke bekam er nur, weil sein Bettnachbar gegen 21 Uhr eine Decke von einem frischen Bett im Flur entwendete. Bis dahin fror er 3,5 Stunden im Bademantel eingewickelt mit Verdacht auf Lungenentzündung! Außerdem bestand das Abendbrot aus zwei trockenen Scheiben Weißbrot mit wenig Butter. Erneut rief meine Mutter die sichtlich genervte Schwester ins Zimmer. Ihre Argumente zu diesen Missständen: Mein Großvater würde zu viel urinieren, das könne man nicht ständig betreuen; das Abendbrot hätte er selbst so bestellt, also sei es seine eigene Schuld; die alten Laken mit Blutflecken könne man nicht immer wechseln, das wäre wirtschaftlich nicht machbar. Ist das fassbar?

Zudem kommt noch, dass nicht kontrolliert wurde, wie und wann Medikamente eingenommen wurden. Mein Großvater wusste nicht, dass es sich bei einer großen Pille um eine Brausetablette handelte. Warum ist ein alter Mann komplett auf sich allein gestellt?! Warum fragt man nicht einmal öfter, ob er tatsächlich nur trocken Brot bestellt hat oder ob er Hilfe beim komplexen Ankreuzverfahren des Speiseplans benötigt. Oder vergewissert sich, ob er zur Toilette muss bzw. das Bett aufgrund einer nicht registrierten vollen Windel nass ist, trotz des bekannten Problems eines Dekubitus?! Von den hygienischen Zuständen mal ganz abgesehen. Alte Zellstofftupfer auf dem Boden, am Morgen reinigte eine Putzkraft mit ein und demselben Lappen den gesamten Boden ohne ihn auszuspülen. Wie sollen Patienten, vor allem schwache Menschen unter solchen Umständen gesund und nicht kränker werden?

Nun frage ich mich, wie ist es möglich, dass ein neunzig Jahre alter Mann mit Pflegestufe 2-3, der schlecht zu Fuß ist, in einem alten Krankenhausbett (ohne elektrische Aufstehhilfe), aus welchem er sich nicht allein aufrichten und somit schlecht in eine Ente urinieren kann und leicht verwirrt ist, so allein gelassen wird? Warum passiert dies erneut, obwohl man darauf hinweist, dass Hilfe beim Wasserlassen, Essen usw. benötigt wird? Wie kann es sein, dass Hygiene, Sauberkeit und vor allem das Wohl des Patienten hinter die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens gestellt werden? Wie können wir ruhig schlafen und unseren geliebten Ehemann/Vater/Opa in solchen Missständen ausgeliefert wissen? Ich bin erschüttert und wütend, dass er so würdelos in dieser Klinik behandelt wird, dass man einfach unfreundlich abgespeist wird, wenn man auf solche Umstände hinweist. Das Pflegepersonal kann einem auch nur leid tun, sie geben sicherlich ihr bestmögliches. Aber in der Situation der gewinnorientierten Patientenbetreuung bleibt das Wohl des einzelnen pflegebedürftigen Menschen in diesem Krankenhaus auf der Strecke.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie mal unter diesen Umständen auf Hilfe angewiesen sind, sich so erniedrigen und menschenunwürdig behandeln lassen müssen! Und: Stellen Sie sich bitte den Patienten- und Besucherbeschwerden, anstatt dass Ihr Pflegepersonal neben der ganzen Arbeit auch noch den gesamten Unmut abfangen muss!“

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erstellt am 25.Aug.2015 | 07:14 Uhr

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