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Besondere Freundschaft in Schleswig : Was heißt Himbeereis auf Türkisch?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Mädchen mit türkischen Wurzeln und ein italienischer Eisverkäufer bringen sich allabendlich gegenseitig ihre Muttersprachen bei – mitten in Schleswig.

Schleswig | Fernsehen, sagt Betül, ist schlecht für die Augen. „Weiß doch jeder“, fügt die Neunjährige mit ernstem Blick an und hebt dabei mahnend den Zeigefinger in die Luft. Und da sie ohnehin nicht so viel Lust auf Fernsehen hat und ihre Eltern auch nicht gerade begeistert sind, wenn das Kind stundenlang vor der Glotze sitzt, lernt sie halt Italienisch. Und zwar jeden Abend. Direkt vor der eigenen Haustür. Dort nämlich, mitten im Stadtweg, liegt das Eiscafé Venezia. Und dort arbeitet Roberto de Battista, quasi ihr Privatlehrer. Gleichzeitig aber ist der Italiener auch Betüls Schüler. Schließlich bringt auch sie ihm ihre Muttersprache, Türkisch, bei. Was aber noch viel wichtiger ist: Die beiden sind längst gute Freunde geworden.

Angefangen hat diese ungewöhnliche Geschichte in diesem Frühjahr, als es draußen langsam wärmer wurde. Da kurvte Betül mit ihrem Fahrrad allabendlich durch den Stadtweg, während Roberto die letzten Gäste des Eiscafés bewirtete, die Tische abwischte und den kleinen Laden aufräumte. „Da habe ich aus Interesse immer mal wieder gefragt, wie man dies und jenes auf Türkisch sagt. Und dann wollte sie natürlich auch wissen, wie man die Dinge auf Italienisch nennt. Sie ist ziemlich aufgeweckt“, erzählt der 54-Jährige, der in diesem Sommerhalbjahr zum vierten Mal in Schleswig arbeitet und nicht nur im selben Haus wie Betüls Familie arbeitet, sondern auch wohnt.

Inzwischen gehören die abendlichen Treffen vor der Tür, dann wenn die meisten Läden im Stadtweg bereits geschlossen haben, fest zum Tagesablauf der beiden. Und natürlich ist dabei auch immer das ein oder andere Gratis-Eis für Betül drin, am liebsten Himbeer, wie sie betont. „Es macht mir viel Spaß, Italienisch zu lernen. Wir erzählen uns aber auch immer, wie unser Tag war und machen auch viel Quatsch“, sagt die Wilhelminen-Schülerin, deren Eltern sich über die gute Nachbarschaft zu dem Italiener freuen.

Roberto de Battista wiederum ist ebenfalls begeistert. Nicht nur, weil er inzwischen schon einige Sätze auf Türkisch beherrscht und „mindestens 150 Vokabeln“ kann. Die munteren Treffen mit Betül sind für ihn auch eine Erholung nach einem langen Arbeitstag und zudem ein gutes Mittel gegen Heimweh. Denn seine Familie, die in Italien lebt, sieht er immer nur zwischen Oktober und März. Das gilt auch für seine Töchter Giorgia (23) und Guenda (20), die beide studieren. „Ich habe ihnen am Telefon natürlich von Betül erzählt. Beide finden es super, dass wir uns hier jeden Abend treffen“, sagt er.

Das allerdings hat bald ein Ende. Anfang Oktober wird Roberto in seine Heimatstadt Musile di Piave in der Provinz Venedig zurückkehren. Dass er im nächsten Jahr wieder nach Schleswig kommt, sei eher unwahrscheinlich. Seit April habe er jeden Tag gearbeitet, auch an den Wochenenden. „Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal machen kann und will.“ Stattdessen wird er sich wohl in Hannover, wo er bereits viele Sommer gearbeitet hat, eine neue Stelle suchen. „Aber wer weiß. Auf jeden Fall werde ich nächstes Jahr einmal nach Schleswig kommen, um hier meine Freunde zu besuchen. Also auch Betül.“

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erstellt am 23.Sep.2014 | 07:04 Uhr

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