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Flüchtlingskrise : Was ein Sanitäter aus Havetoft als Helfer auf Lesbos erlebte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zehn Wochen als Freiwilliger auf Lesbos: Jens Engel sah menschliche Tragödien, politischen Irrsinn und kam an die Grenzen seiner Belastbarkeit.

Lesbos/Havetoft | Die meisten halten nicht so lange durch: Zehn Wochen hat Jens Engel in einer anderen Welt gelebt. Der Rettungssanitäter aus Havetoft arbeitete als Freiwilliger in einem Brennpunkt der Flüchtlingskrise – auf der kleinen griechischen Insel Lesbos gegenüber der türkischen Küste, auf der in den vergangenen Monaten zig-tausende Flüchtlinge gestrandet sind – krank, verletzt, traumatisiert und verzweifelt. Jens Engel hat in einem provisorischen und zeitweise illegalen Zeltlager getan, was er konnte. Er hat den Menschen geholfen.

Aber er hat auch menschliche Dramen erlebt, politischen Irrsinn und die Grenzen seiner eigenen Belastbarkeit. Inzwischen ist Jens Engel wieder zu Hause. „Gerade rechtzeitig, um nicht Schaden an Körper und Seele zu nehmen“, wie er selbst diagnostiziert.

Jens Engel hat das Leid der Menschen, das er in Griechenland täglich erlebte, relativ unbeschadet überstanden. In seiner Zeit als Rettungsassistent hat er gelernt, mit kritischen Situationen professionell umzugehen, das Leid der anderen nicht zu nah an sich heranzulassen.

Aber das klappt nicht immer. Als Beispiel nennt der Havetofter eine Nacht, in der die Busse mit Flüchtlinge im Minutentakt kamen. Nach vielen Stunden Dienst wurden eine Mutter und ihr kleiner Sohn in seine Obhut gegeben. Der Vater war während der dramatischen Flucht verloren gegangen. Die Mutter hatte Fieber und eine Lungenentzündung und brach zusammen, das Kind schrie ständig. „Auch wenn man ein dickes Fell hat, so etwas wirkt doch nach.“

Ähnlich erging es Jens Engel, als er beobachtete, dass die Dolmetscherin während eines Gesprächs mit einem Patienten plötzlich blass wurde. Ihre Augen weiteten sich, Tränen liefen über ihr Gesicht. Später erzählte sie: Der Mann hatte berichtet, dass die türkische Küstenwache während der Überfahrt ihr Boot gestoppt hatte. Die Männer hätten dann begonnen, mit Messern, die an langen Stöcken befestigt waren, auf das Schlauchboot einzustechen. Die Menschen darin hätten mit Brieftaschen und Geld gewinkt. Sie kamen davon. Jens Engel hörte, dass andere Boote an diesem Tag zerstört wurden. Zwei sanken, es gab 30 Tote.

Engel hat bei der Bundesstaatsanwaltschaft Anzeige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erstattet. Was daraus wird, weiß er nicht. „Aber es wäre unmoralisch gewesen, keine Aufklärung zu fordern.“

Seine Arbeit tat Engel am Rande eines offiziellen Lagers, in dem Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ und „Ärzte der Welt“ tätig sind. Die hatten zwar die Genehmigung der Inselregierung, konnten jedoch nachts keine medizinischen Versorgung anbieten, keine Kleiderkammer rund um die Uhr – ganz im Gegensatz zu den nur geduldeten Helfern aus aller Welt außerhalb des Zaunes.

Jens Engel hat skurrile Situationen erlebt. So sei den Helfern verboten worden, Milchpulver an Schwangere auszugeben, weil die Organisation „Save the children“ im Lager einen Stillkurs anbot, berichtet Engel. Eine andere Organisation richtete einen „sicheren“ Schlafplatz für alleinreisende Frauen ein: „Eine Holzhütte mit Betonboden, von der die Wände entfernt worden waren“, erinnert sich der Havetofter. „Die Frauen mussten unter aller Augen auf Beton unter dem Logo der Organisation schlafen, das sicher mehr gekostet hat als die Hütte. Ein Wahnsinn.“

Auch die große Politik schlug sich immer wieder indirekt in der Arbeit nieder. Im Dezember wuchs der Druck aus Europa auf die Griechen. Die Inselregierung regierte mit Verboten und Kontrollen. Wer Flüchtlinge im Auto mitnahm, konnte als Schlepper angeklagt werden, ein Zelt mit einem Arzt wurde als Krankenhaus definiert und verboten, ebenso wie die Behandlung von Kranken in der Nacht. „Drei spanische Rettungsschwimmer wurden festgenommen, wir wussten schon nicht mehr, was verboten, geduldet oder erlaubt war. Und das alles nur, um das Zeichen in die Welt zu senden, dass die griechische Regierung etwas tut.“

In dieser Zeit habe jeder der Helfer seinen eigenen Weg finden und für sich selbst entscheiden müssen, wie viel Risiko er eingeht. „Ich kann ein halbjähriges Mädchen mit hohem Fieber doch nicht draußen in der Kälte schlafen lassen, nur weil die Regeln anders sind“, sagt Jens Engel.

Und was bleibt aus dieser aufregenden und aufreibenden Zeit? „Es ist ein gutes Gefühl, dort eine Zeitlang geholfen zu haben. Und ich habe gelernt, dass man auch in scheinbar chaotischen Strukturen sehr viel erreichen kann, wenn man ein gemeinsames Ziel hat.“

Die ehrliche Begegnung mit den Flüchtlingen, die Arbeit mit den Freiwilligen und die Unterstützung aus der Heimat bedeuten Jens Engel viel. „Und ich glaube auch, dass ich mein Leben hier nach dieser Erfahrung noch bewusster gestalten kann.“

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erstellt am 07.Mär.2016 | 17:48 Uhr

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