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Nach dem tödlichen Bahn-Unfall : Warum gibt es hier keine Schranke?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Wäre der tragische Bahnunfall in Süderbrarup durch Schranken zu verhindern gewesen? Eine Genehmigung liegt bereits vor.

von
erstellt am 30.Dez.2016 | 06:30 Uhr

Süderbrarup | In Süderbrarup gibt es derzeit nur ein Gesprächsthema – den tragischen Unfall, der sich am Mittwoch am unbeschrankten Bahnübergang Heidbergweg ereignete. Gegen 17.45 Uhr erfasste die aus Richtung Flensburg kommende Regionalbahn dort einen VW-Passat, der mit drei jungen Männern besetzt war. Der 18-jährige Beifahrer kam ums Leben, der Fahrer (19) und ein weiterer Insasse (21) wurden schwer verletzt. Sie stammen aus Saustrup und aus Mohrkirch.

Die Menschen in Süderbrarup und Umgebung stellen sich Fragen: Hätte der Bahnübergang nicht durch Halbschranken oder zumindest durch ein Blinklicht gesichert werden müssen – zumal es vor vier Jahren schon zwei Unfälle gegeben hatte und der Bahnübergang als besondere Gefahrenstelle bekannt ist? Schließlich gibt es dort Schilder mit dem Hinweis auf einen Unfallschwerpunkt.

In Süderbrarup gibt es ganz unterschiedliche Einschätzungen, wie ein kurzes Stimmungsbild im Einkaufszentrum zeigt. „Der Bahnübergang ist gut einsehbar, es gibt keinen Grund, dort zu investieren“, sagt Günter Tange aus Ulsnis. Auch Gerhard Berghoff aus Süderbrarup sieht keine Schuld bei der Bahn – ähnlich wie Anneliese Dombrowski, sie plädiert dennoch für zusätzliche Sicherungsanlagen. Das tut auch Rüdiger Christophersen, der Schranken an dieser Stelle für dringend erforderlich hält, weil es hier einfach schon zu viele Unfälle gegeben habe. Bahn und Politik hätten schon viel zu lange gewartet.

Die Ermittlungen laufen

Am Donnerstag schauten sich zwei Mitarbeiter der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes und zwei Beamte der Bundespolizei die Gegebenheiten noch einmal genau an. Der Bahnübergang liegt erhöht auf einem Damm. Die Tempobeschränkung auf 20 km/h wird etwa 100 Meter vor dem Übergang angezeigt, 50 Meter dahinter ein Schild mit der Aufschrift „Unfallschwerpunkt“ und einer Zeichnung von einem Zusammenstoß zwischen einem Auto und einem Zug. Die Bundespolizei hat nach dem tragischen Unfall noch einmal geprüft, ob ein Autofahrer, der alle Schilder beachtet und aufmerksam ist, den herannahenden Zug rechtzeitig wahrnehmen kann. „Wir sprechen bei solch einer Prüfung von einem Sichtdreieck. Das heißt, dass die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten von Auto und Zug herangezogen werden, um zu ermitteln, ob der Autofahrer die Bahn rechtzeitig erkennen kann“, sagte Bundespolizei-Sprecher Hanspeter Schwartz. In Süderbrarup Heidbergweg sei das der Fall.

Auch Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis sieht alle rechtlichen Bestimmungen erfüllt. „Da gibt es klare Vorgaben“ erläutert er und nennt als Beispiel einen ICE, der mit mehr als 160 km/h unterwegs ist: „Da darf es keine Kreuzungen geben, der Zug kreuzt Straßen nur in Tunnel oder auf Brücken.“ In Süderbrarup ist der Zug auch wegen den nahen Bahnhofs deutlich langsamer unterwegs, verkehrt pro Richtung nur einmal pro Stunde und kreuzt eine offiziell nur wenig befahrene Gemeindestraße. Rechtlich besteht nach Auskunft von Meyer-Lovis keine Verpflichtung für eine Sicherung mit Blinklicht oder Schranken.

Genehmigung für Schranken liegt bereits vor

Dennoch ist schon seit einigen Jahren beschlossen, an dem Unglücks-Übergang Schranken einzurichten. Wie Bürgermeister Friedrich Bennetreu und Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis übereinstimmend berichteten, liegt die Genehmigung des Eisenbahnbundesamtes vor. Dennoch wird es noch dauern, ehe der Bahnübergang sicherer wird. „Es handelt sich um ein langwieriges bürokratisches Verfahren zwischen Bund, Bahn und Gemeinde, die jeweils 200.000 Euro aufbringen müssen. Da geht es um Planungsverfahren, Kreuzungsvereinbarungen, Ausschreibungen und Fristen. Das dauert Jahre.“ Mit dem Beginn der Arbeiten im Heidbergweg ist nach Auskunft des Bahnsprechers nicht vor 2018 zu rechnen.

Am Donnerstag legte eine kleine Gruppe von Kollegen der Mutter des Verstorbenen Blumen am Unfallort ab. Mit Schuldzuweisungen in jedwede Richtung hielten sich zurück. Einig waren sich jedoch alle, dass einen Schrankenanlage diese Tragödie möglicherweise hätte verhindern können.

Trauerbekundungen: Am Bahnübergang wurden Blumen und Kerzen zum Gedenken an den Verstorbenen abgelegt.
Trauerbekundungen: Am Bahnübergang wurden Blumen und Kerzen zum Gedenken an den Verstorbenen abgelegt. Foto: Gero Trittmaack
 

Kommentar: Zu spät

Es besteht nach dem tragischen Unfall in Süderbrarup kaum ein Zweifel daran, dass der junge Autofahrer einen verhängnisvollen Fehler gemacht hat. Rein rechtlich muss die Bahn wohl von jeglicher Schuld freigesprochen werden, denn sie hat ihre Verpflichtungen zur Sicherung des Bahnüberganges erfüllt. Dennoch besteht auch kaum ein Zweifel, dass der junge Beifahrer noch leben könnte, wenn der Bahnübergang mit Schranken gesichert gewesen wäre. Behörden, Bahn und Gemeinde sind sich der Gefahr durchaus bewusst gewesen, sonst hätten sie auf die Planung der teuren Schranken wohl verzichtet. Doch es war leider zu spät, weil solch ein Verfahren sich wegen formaler Anforderungen über Jahre hinzieht.

Vor diesem Hintergrund kann man durchaus behaupten, dass unsere überbordende Bürokratie zumindest eine Mitschuld an dem fatalen Unfall in Süderbrarup trifft. Und das ist ein sehr schwer zu ertragender Gedanke.

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