Fall Gerwin L. : War es Mord?

In diesem Haus lebte das Opfer Gerwin L. – hier wurde er auch getötet.
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In diesem Haus lebte das Opfer Gerwin L. – hier wurde er auch getötet.

In Flensburg hat der Totschlags-Prozess gegen den Mann begonnen, der im Oktober seinen Nachbarn Gerwin L. umgebracht haben soll.

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13. April 2018, 07:50 Uhr

Es war ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlicher Prozessbeginn gestern in Saal 324 des Flensburger Landgerichts. Der 53-jährige Schleswiger Andreas L. ist angeklagt, weil er im vergangenen Oktober seinen Nachbarn, den Bundeswehr-Angestellten Gerwin L. (61), drei Tage lang gefesselt gefangen gehalten und schließlich getötet haben soll. Auf den Zuschauerbänken drängten sich neben Angehörigen und Freunden des Opfers zahlreiche junge Menschen, die gar nicht wegen dieses Falls ins Gericht gekommen waren, sondern die sich eigentlich für die Verhandlung im Schwurgerichtssaal nebenan interessierten, wo der Fall des vor einem Jahr in Flensburg erstochenen Mert Can Altunbas verhandelt wurde – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so dass die Besucher sich im Nebensaal die Zeit vertreiben wollten.

Dort erlebten sie, wie der Vorsitzende Richter Mathias Eggers zu einer nicht alltäglichen Bemerkung anhob, nachdem Staatsanwältin Linda Vollstädt die Anklage verlesen hatte. Das Gericht werde, sagte Eggers, zu prüfen haben, ob eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht komme. Die Staatsanwältin hatte lediglich den weniger schwerwiegenden Vorwurf des Totschlags erhoben. „Wir meinen schon, dass man sich über das Vorliegen des Mordmerkmals der niederen Beweggründe Gedanken machen muss“, sagte Eggers. Dabei werde auch die psychische Verfassung des Angeklagten zu berücksichtigen sein.

Was diese Sätze zu bedeuten haben, bleibt dabei zunächst offen, denn wenig später – und das war der dritte ungewöhnliche Aspekt der Verhandlung – wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen, und zwar für den kompletten weiteren Prozessverlauf bis zur Urteilsverkündung, die für den 3. Mai terminiert ist. Die Verteidigerin hatte einen entsprechenden Antrag gestellt und ihn damit begründet, dass während der Verhandlung persönliche Umstände auch aus dem Vorleben ihres Mandanten bekannt werden könnten, die eines besonderen Schutzes bedürfen. Dass Verteidiger solche Anträge stellen, kommt häufiger vor. Oft werden sie aber abgelehnt, oder die Öffentlichkeit muss nur vorübergehend vor die Tür, wenn zum Beispiel der Psychiater sein Gutachten vorlegt.

Opfer Gerwin L.
Opfer Gerwin L.
 

Warum das Gericht diesmal dem Antrag stattgab, begründete Eggers in wenigen Worten. Es sei eine Ermessensentscheidung gewesen, in der man den Persönlichkeitsschutz des Angeklagten höher gewichtet habe als das Interesse der Öffentlichkeit. Neben der Verurteilung zu einer Haftstrafe komme auch die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik in Betracht. So waren die Prozessbeteiligten unter sich, als Andreas L. den Hergang der Tat selbst schilderte. Im Wesentlichen soll er dabei bestätigt haben, was die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft: An einem Tag im Oktober des vergangenen Jahres war er mit seinem Nachbarn in Streit um eine Tasse Kaffee geraten. Es flogen Fäuste, das Opfer wurde bewusstlos. Andreas L. fesselte es mit Panzertape an Händen und Beinen und klebte ihm dann auch noch Mund und Augen zu. Es war offenbar das traurige Ende eines schon seit Monaten oder Jahren schwelenden Streits.

Drei Tage lang lag Gerwin L. hilflos in der Wohnung seines Nachbarn in einem Mehrparteienhaus im Meisenhof am Schützenredder. Dann schlug Andreas L. mit einem Hammer auf seinen Nachbarn ein und würgte ihn. Welche dieser Handlungen zum Tode führte, das wird eine Gerichtsmedizinerin an einem der nächsten Verhandlungstage erläutern. Dies wird ebenso unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen wie die Aussagen der Polizeibeamten, die beschreiben können, wie sie rund vier Wochen nach der Tat endlich die Leiche von Gerwin L. fanden, die noch immer in der Wohnung lag.

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