Eggebek : Wandergeselle auf Weltreise

Diesen Schrank wird Marcel Frahm wohl nicht mehr fertig aufarbeiten können. Schon morgen geht er auf Wanderschaft.
Diesen Schrank wird Marcel Frahm wohl nicht mehr fertig aufarbeiten können. Jetzt ist er auf Wanderschaft.

Marcel Frahm (19) ist seit Sonntag auf der Walz – erster Stopp ist Lübeck, weitere Ziele sind die Schweiz und Kanada.

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01. November 2013, 19:05 Uhr

Marcel Frahm ist verhältnismäßig wenig aufgeregt, seine Mutter Stephanie dafür um so mehr. Sie lässt ihren Sohn für so lange Zeit nur schweren Herzens gehen, zumal er – ohne Handy unterwegs – für sie nicht erreichbar sein wird. Seit Sonntag ist ihr Junge nun auf der Walz. Genau drei Jahre und einen Tag lang kehrt der Zimmergeselle seinem Heimatort Eggebek den Rücken, darf so lange seinem Zuhause nicht näher als 50 Kilometer kommen – außer zu Ereignissen wie schwerer Krankheit oder Tod der engsten Familienangehörigen.

Seine Arbeitskluft trägt Marcel Frahm schon seit sechs Wochen nahezu rund um die Uhr. Nur zum Schlafen darf er Arbeitshose, Staude (Hemd), Weste und die Ehrbarkeit, eine Art Krawatte, mit Zunftnadel ablegen – so besagen es die Statuten des Schachts der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen. Jenem hat sich der 19-Jährige angeschlossen. „Die Wandergesellen wollen sich in erster Linie auf praktische Weise in der Fremde weiterbilden und hierbei die zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Grundlage der Völkerverständigung an der Basis pflegen“, heißt es in einer Selbstbeschreibung der Vereinigung, die zurzeit 250 bis 300 Wandergesellen auf ihrer „Tippelei“ betreut.

Verständigung wird auch für Marcel Frahm ein wichtiges Thema sein. Die Frage nach seinen Englisch-Kenntnissen beantwortet er mit einem verschmitzten Lächeln und den Worten „nicht so gut“. Aber darüber macht er sich genauso wenig Sorgen wie über das mögliche Heimweh. Schließlich habe er als einer der wenigen auf Klassenfahrten dieses nie verspürt. „In der Grundschule war das eine reife Leistung“, scherzt er und grinst. An Unbekümmertheit und Optimismus fehlt es dem 19-Jährigen nicht.

Für die erste Zeit steht dem neuen Wandergesellen dennoch ein erfahrener Kollege zur Seite, mit dem er sich zunächst in Lübeck treffen will, um dann gemeinsam mit diesem in die Schweiz zu wandern. „Dann habe ich schon mal einen, der sich auskennt, der weiß, was erlaubt ist und was nicht. Es gibt nicht mehr so viele Wandergesellen, aber diejenigen, die es noch gibt, die sollen einen guten Eindruck hinterlassen“, sagt Frahm.

Das komplette erste Jahr muss er sich im deutschsprachigen Raum bewegen – auch das ist eine Regel der sogenannten Tippelei, danach steht ihm die Welt offen. Hauptsache er erreicht seine Ziele möglichst zu Fuß oder per Anhalter. „Man darf öffentliche Verkehrsmittel benutzen, aber es wird nicht so gern gesehen“, erklärt er.

Vermeiden lassen werden sie sich aber vermutlich nicht, denn der Wandergeselle will unbedingt nach Kanada: „So ein Riesenhaus aus dicken Baustämmen – das muss man mal gesehen und gebaut haben“, schwärmt Frahm. Weitere anvisierte Ziele sind Schweden, Norwegen und Amerika. In Deutschland, Dänemark und Österreich hat er Verwandte, bei denen er unterkommen kann. Auch bestimmte Jugendherbergen bieten den Wandergesellen einen Tag kostenlos und danach vergünstigt Unterschlupf an.

„Zu viel planen sollte man aber nicht. Dann wird die Wanderschaft nicht so schön. Man sollte sich treiben lassen. Die anderen haben so Orte entdeckt, von denen man sonst nur träumt.“ So geht es zum Beispiel Dario, Marcel Frahms Jugendfreund, der im selben Betrieb seine Gesellenprüfung ablegte und bereits auf Wanderschaft ist – zuletzt auf Hawaii.

Datum und Ort des ersten Wiedersehens mit der Familie stehen dennoch schon fest: Weihnachten wird dieses Jahr bei der Großmutter in Plön gefeiert, damit Marcel Frahm dabei sein kann.

Ab 10 Uhr war seine offizielle Verabschiedung am Gärtnerkrug in seinem Heimatort: eine Flasche Korn verbuddeln und über das Ortsschild klettern. Dann direkt zur Autobahnauffahrt Tarp und dort in einer extra für seine Weltreise bei einem Maßschneider angefertigten Kluft, zu der er eine von seiner Mutter Stephanie gehäkelte Ehrbarkeit trägt, den Daumen in die Luft halten und das erste Mal auf sein Tramperglück hoffen.

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