Wahrzeichen der Birk: die alte Mühle "Charlotte"

Historische Postkarten erzählen überraschende Geschichten - und Geschichte. Sie zeigen, dass manche Örtlichkeit im Kreisgebiet einst verblüffend anders ausgesehen hat als heute. In einer Serie begibt sich unsere Zeitung auf Spurensuche und vergleicht damals mit heute. In Folge 3 geht es um die Mühle "Charlotte" am Rande der Geltinger Birk.

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08. August 2009, 03:59 Uhr

Nieby | Welche alte Mühle in Angeln kann sich rühmen, als Wahrzeichen eines großen Naturschutzgebietes sogar die Aufnahme in ein Gemeindewappen geschafft zu haben? Die alte "Dame Charlotte" steht am Eingang zur Geltinger Birk und sieht deshalb in jedem Jahr Tausende von Wanderern an sich vorüber flanieren. Die Niebyer Bürgermeisterin Renate Mielenz ist stolz auf die "gut beflügelte" Seniorin. "Es war eine heraldische Selbstverständlichkeit, dass wir der schönen Mühle einen Platz in unserem Wappen überlassen haben", sagt sie.

Dass sich dieses denkmalgeschützte Bauwerk heute in einem Top-Zustand befindet, ist dem derzeitigen Eigentümer, dem Unternehmer Alfred-Uwe Anders aus Bad Oldesloe, zu verdanken. Er, der unter der Bezeichnung "Forsthaus" drei große Förderwerkstätten für Pflege und Therapie in Bad Oldesloe, Tremsbüttel und Grande sowie eine Baumschule in Bargteheide betreibt, hat mit großem finanziellen Aufwand die "Charlotte" in ein privat genutztes Schmuckstück - zu einer komfortablen Wohn-Mühle - verwandelt.

Allerdings findet Anders nur relativ selten Zeit, mit seinen Angehörigen nach Nieby zu kommen. Die Folge: Das Anwesen ist verschlossen, und Passanten werden aufgefordert, das Grundstück nicht zu betreten.

Gudrun Martinator, geborene Franck, ist im nahen Goldhöft aufgewachsen. Der Bürgermeisterin erzählt sie aus ihrer Kindheit am Ende der 1940-er Jahre: "Damals haben wir hier oft gespielt. Die Windmühle war noch in Betrieb, und wir haben uns, ohne dass der Müller es merkte, hinein geschlichen und das Korn durch unsere Hände rieseln lassen." Gleich neben der Mühle befindet sich bis heute eine Schleuse samt Schöpfwerk. "Da sind wir im Sommer oft hinein gesprungen und haben gebadet."

"Charlotte" und Geltinger Birk gehören zusammen, bilden eine Einheit. Es wird berichtet, dass diese Landschaftsform auf einer Halbinsel erst 1821 durch Eindeichung des Großen Noores, einer Nebenbucht der Ostsee, entstand.

Den Annalen ist zu entnehmen, dass der damalige Geltinger Rittmeister von Hobe die Mühle im Jahre 1826 erbauen ließ - für rund 9700 Reichsthaler. Benannt wurde das Bauwerk auf dem so genannten "Goldhöftberg" nach der Oberstallmeisterin Charlotte von Plessen, einer geborenen Herzogin von Mecklenburg. Sie war 1822 auf Schloss Gelting verstorben.

Die Besonderheit der attraktiven Holländer-Mühle: Sie diente hauptsächlich nicht dem Mahlen von Getreide, sondern setzte mit einer Windkraft von 40 PS eine so genannte Wasserschnecke in Gang, mit deren Hilfe das Oberflächenwasser aus den nach der Eindeichung trockengelegten Niederungen ins Noor gepumpt wurde. In Strandnähe bei der Hoflage Beveroe entstand 1832 eine "schöpfende Schwester" der "Charlotte". Bei Windstille starteten die Müller einen Elektromotor.

Nacheinander traten mehrere Mühlenpächter in Aktion. Gemäß einer Verfügung des preußischen Regierungspräsidenten in Schleswig wurde 1862 der Wasser- und Bodenverband (WBV) Beveroe-Nieby gegründet. Seine Aufgabe: Überwachung der Entwässerung von 333 Hektar Land, das landwirtschaftlich genutzt wurde.

Der jetzige WBV-Chef Baron Siegfried von Hobe-Gelting hat seit seinen jungen Jahren die "Charlotte" nicht aus den Augen gelassen. Zeitweise geriet die stillgelegte Mühle in einen lädierten Zustand. Doch die ehemaligen Eigentümer von Schloss Gelting renovierten die "Patientin" 1970 für 120 000 DM und leisteten damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt.

Ein Nachteil der "Charlotte": Sie blieb ein großer Kostenfaktor. Außerdem verfügte sie weder über einen Strom- noch einen Trinkwasseranschluss. So kam es dazu, dass sie durch Verkauf in private Hände ging - zuletzt in die von Alfred-Uwe Anders.

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