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Daniel Günther in der „Heimat“ : Wahlkampf mit Wadenzerrung

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther kritisiert in der „Heimat“ die Landesregierung – Euphorie entfacht er bei seinen Anhängern nicht.

von
erstellt am 01.Apr.2017 | 07:49 Uhr

Der Spitzenkandidat verspätet sich. Seit Minuten schon dröhnt die fetzige Einmarschmusik aus den Lautsprechern, blendet die Lichtorgel das Publikum. „Nun kann er auch langsam mal kommen“, raunt ein Gast. Dann endlich erscheint Daniel Günther, der neue Hoffnungsträger der schleswig-holsteinischen CDU – unter rhythmischem Klatschen seiner Anhänger. Schnell noch ein Selfie mit einigen Junge-Union-Aktivisten und ein paar Hände geschüttelt, ehe Günther die Bühne im Saal der „Heimat“ betritt.

Er habe erst noch fürs Mikrofon verkabelt werden müssen, entschuldigt sich Günther, der am Donnerstagabend vom Häuser-Wahlkampf in Rendsburg weitergeeilt ist an die Schlei. Die Wahlkampf-Strategen der CDU haben sich ein besonderes Format ausgedacht für die Auftritte des Albig-Herausforderers: Die Bühne, kreisrund, ist in der Mitte des Publikums platziert, auf vier Bildschirmen rundherum prangt das Konterfei des Mannes, der sich anschickt, Ministerpräsident zu werden. Vor seiner Ankunft ist bereits ein Imagefilm gezeigt worden. Ein bisschen amerikanisch wirkt das Ganze und soll es wohl auch. „Daran muss ich mich erst gewöhnen, weil ich dabei einem Teil des Publikums immer den Rücken zukehre“, räumt Günther auf dem Podest ein. Auch wirbt er bei den annähernd 150 Gästen um Verständnis, dass seine Bewegungen vielleicht nicht so dynamisch sind, wie es sich für einen Herausforderer gehöre. Er habe sich am vergangenen Wochenende beim Flensburger Stadtwerke-Lauf die Wade gezerrt, erklärt er im Laufe des Abends.

Für seine Angriffe auf die amtierende Landesregierung ist er aber fit genug. Günther kritisiert Ministerpräsident Torsten Albig, weil dieser direkte Wahlkampf-Duelle mit ihm meide. Der SPD-Regierungschef habe es abgelehnt, sich für die Zeitungen in Schleswig-Holstein in einem Streitgespräch zu stellen. Albig ignoriere damit eine Million Leser, schimpft Günther. Stattdessen schicke dieser immer wieder SPD-Landeschef Ralf Stegner vor. „Eigentlich geht es um die Frage: Wird die nächste Landesregierung weiter von Ralf Stegner geführt oder von Daniel Günther.“

Naturgemäß lässt der CDU-Spitzenkandidat kein gutes Haar an der Landesregierung aus SPD, Grünen und SSW. Die Grunderwerbsteuer etwa sei mit 6,5 Prozent auf den höchsten Stand in ganz Deutschland gesetzt worden. Er werde die Steuer auf fünf Prozent senken, „damit sich junge Familien ein Eigenheim leisten können“, verspricht Günther. Das von der Küstenkoalition eingeführte Krippengeld nennt er „ein Blendwerk“. Dadurch, dass die Kita-Zuschüsse für die Kommunen gedeckelt worden seien, müssten die Eltern im Gegenzug extrem hohe Gebühren für die Betreuung ihrer Kinder zahlen. „Das ist ein Nullsummenspiel, das den Eltern überhaupt nicht hilft.“ Den Polizisten im Land verspricht er, dass er ihnen den Rücken stärken und sich für härtere Strafen bei Angriffen auf Beamte einsetzen werde.

Und dann geht es um die Bildungspolitik. „Ich will keine Strukturdebatten mehr führen“, betont Günther. „Aber der Weg ‚Abi für alle‘ ist grundfalsch.“ Leistungsstandards seien abgesenkt worden, mit Folgen auch für den Mittelstand, der unter Fachkräftemangel leide. „Die Handwerksbetriebe suchen keine Akademiker.“ Dass er einst das Abitur nach acht Jahren auf dem Gymnasium (G  8) befürwortet habe und nun zu G  9 zurück will, auch das erklärt er seinem Publikum: „Damals hatten wir noch keine Bachelor-Absolventen. Jetzt höre ich überall, dass die jungen Leute noch nicht reif fürs Berufsleben sind.“ Auf die Besonderheit, dass in Schleswig G  8- und G  9-System konkurrieren, geht er nicht ein.

Ebenso meidet Günther marktschreierische Töne, platziert seine Sätze eher bedächtig. Zu Begeisterungsstürmen reißt er seine Zuhörer, darunter viele christdemokratische Funktionsträger, nicht hin. Einer aus der Jungen-Union-Riege hält zwischendurch mal sein „Daniel Günther“-Pappschild hoch, nimmt es aber verschämt gleich wieder runter.

In der anschließenden Diskussionsrunde wird Günther auch mit dem Interkommunalen Gewerbegebiet Schleswig-Schuby konfrontiert. Was er denn unternehmen wolle, damit sich dort endlich Firmen ansiedeln, will ein Zuhörer wissen. Der CDU-Spitzenkandidat vermeidet eine konkrete Antwort, behilft sich mit der lapidaren Aussage, dass es seitens der Landesplanung viel zu starre Vorgaben gebe.

Auf die spezifischen Gegebenheiten in der Region einzugehen, das überlässt Günther an diesem Abend Johannes Callsen, dem CDU-Direktkandidaten im Wahlkreis 5. Der bezeichnet zum Beispiel die Schleibrücke Lindaunis – nicht zum ersten Mal – als „Symbol für fünf Jahre Stillstand unter dieser rot-grün-blauen Landesregierung“. Callsen verspricht, sich für eine umfangreiche Straßensanierung und einen schnelleren Breitbandausbau einzusetzen. Die Wirtschaft wolle er von zu viel Bürokratie befreien. Auch geißelt er den SSW-Vorstoß zur Schaffung von Großkommunen. Callsen: „Das macht die Identität im ländlichen Raum kaputt.“

Und was sagen die Anwesenden zum gut einstündigen Auftritt des Spitzenkandidaten? „Es ist wohltuend, dass Daniel Günther nicht populistisch rüberkommt“, sagt einer. Ein anderer Besucher der Wahlkampfveranstaltung spricht hingegen vielen aus der Seele, als er beim Hinausgehen ernüchtert feststellt: „Euphorie hat er nicht gerade entfacht.“

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