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Kreis Schleswig-Flensburg : Waffenscheine sind im Kreis gefragt

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Zahl der Anträge für den Kleinen Waffenschein hat sich im Kreis drastisch erhöht. Ein Grund ist der stärkere Wunsch vieler Bürger nach mehr Sicherheit

shz.de von
erstellt am 27.Feb.2017 | 07:02 Uhr

Schleswig | Einbrüche, Übergriffe und die zunehmende Zahl an Flüchtlingen im Kreis-Schleswig Flensburg – nicht wenige Menschen sind dadurch verunsichert. 500 Kreisbürger haben diese Vorfälle im vergangenen Jahr zum Anlass genommen und einen Kleinen Waffenschein beantragt. Auch in diesem Jahr liegen der Waffenbehörde des Kreises bereits 100 Anträge vor – Tendenz steigend. Zum Vergleich: 2013 und 2014 beantragten jeweils 16 Menschen das Dokument, 2015 waren es 31.

„Die Leute haben einen subjektiv gefühlten Sicherheitswunsch“, begründet Ordnungsfachdienst-Leiter Rainer Stiemcke den Trend. Besonders nach einem Bericht eines Überfalls oder Einbruchs in den Medien gehen bei der Waffenbehörde vermehrt Anträge ein. „Der Jahreswechsel und die Ereignisse in Köln haben zu Unsicherheit in der Bevölkerung geführt“, erzählt er. Danach habe man das Bedürfnis gehabt, sich wehren zu können. „Viele Menschen fühlen sich sicher, wenn sie ein Pfefferspray in der Tasche haben“, sagt Stiemcke. Doch die Waffe einfach nur mit sich zu führen, bringe nichts. Man müsse auch wissen, wie man damit umgeht, um sich nicht selbst zu verletzen.

Nicht nur die Behörde, sondern auch die örtlichen Waffenhändler merken, dass sich die Leute ausrüsten. Andreas Kauz, der in Sterup eine Waffenwerkstatt besitzt, erzählt, dass das Interesse an Gas- und Schreckschusswaffen tendenziell größer geworden ist – Pfefferspray ist dagegen wieder rückläufig. Er rät jedoch davon ab, sich zu bewaffnen. „Man weiß ja nie, was der andere zieht“, sagt er. Außerdem müsse man die Leute über den kleinen Waffenschein aufklären.

Auch Malte Ahnert sieht es kritisch, dass sich immer mehr Menschen bewaffnen. Ahnert führt seit Dezember 2016 einen kleinen Waffenladen in Treia. Vorher hat er bei Albrecht Waffen und Jagdausrüstung in Schleswig gearbeitet. Auch er bestätigt, dass seit Herbst vergangenen Jahres verstärkt Pfefferspray und Schreckschusswaffen gefragt sind – in vielen Fällen verkauft er sogar beides zusammen. „Vor Weihnachten häufen sich die Anfragen nach Waffen wegen Silvester“, erzählt er. „Die Leute wollen sich sicher fühlen.“ Dass sie mit den Waffen auf der Straße herumlaufen, betrachtet Ahnert mit Sorge. Man könne nicht unterscheiden, ob es sich um eine echte Pistole handelt oder nicht, erklärt er. Mit Pfefferspray gebe es das Problem nicht. Mit dem Kleinen Waffenschein, warnt er, dürfe man das Spray nur in einer Notwehrsituation anwenden.

Der kleine Waffenschein kann sowohl im Internet als auch persönlich beantragt werden. Stiemcke zufolge nutzt die Mehrheit der Antragsteller den Weg über die Homepage des Landes. Glücklich ist der Ordnungsfachdienst-Leiter damit nicht, auch wenn es für den Bürger ein Service ist. „Jeder kann darüber den Waffenschein beantragen, entweder für sich selbst oder für den Nachbarn“, sagt er. Während man im persönlichen Gespräch Auffälligkeiten sofort feststelle, können auf dem Online-Formular Angaben verschwiegen werden. Etwa psychische Erkrankungen oder die Identität so genannter Reichsbürger. Nachdem ein Antrag bei der Behörde eingeht, holen sich die Mitarbeiter ein Führungszeugnis ein und gleichen die Angaben zur Person mit Eintragungen im Bundeszentralregister, Erziehungsregister, der Staatsanwaltschaft sowie dem Staatsschutz ab. Nach der erfolgreichen Prüfung muss der Antragsteller die Verwaltungsgebühr von 60 Euro für den Schein bezahlen. „Im vergangenen Jahr hatten wir durch die 500 Anträge 30  000 Euro Zusatzeinnahmen“, verdeutlicht er die Dimension. Trotzdem, so Stiemcke, bekommt am Ende nicht jeder das Dokument ausgehändigt. Dazu gehören alle, die „auffällig sind“ oder sich als Reichsbürger ausgeben. Der Kreis baue absichtlich diese Hürden ein, um den Prozess nicht zu einfach zu machen.

Eine bestimmte Altersgruppe, die den kleinen Waffenschein beantragt, gibt es Stiemcke zufolge nicht. Es seien viele Leute ab 50 Jahren dabei, die noch nie etwas mit Waffen zu tun hatten. Diese würden sich mit etwas „kleinerem“ wie Pfefferspray ausrüsten, junge Leute entscheiden sich eher für Schreckschusswaffen. Messer fallen nicht in den Bereich des Kleinen Waffenscheins – dafür benötigt man den Großen.

Auch wenn es Stiemcke zufolge noch keine größeren Probleme mit dem Kleinen Waffenschein gegeben hat, ist es fraglich, wie lange der umstrittene Online-Antrag noch gestellt werden kann. Stiemcke jedenfalls kann sich vorstellen, dass das Land irgendwann sagt: „Das haben wir nicht zu Ende gedacht“.

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