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Vorstandsriege zurückgetreten: „Die Brücke“ Flensburg muss sich neu erfinden

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Sie mutet an wie eine ganz normale Stellenausschreibung. Doch hinter der Anzeige des gemeinnützigen Flensburger Vereins „Die Brücke“ verbirgt sich eine Geschichte. Eine unangenehme Geschichte. Eine Geschichte, die geprägt ist von Querelen und Unstimmigkeiten von Mitarbeitern auf der einen, Geschäftsführung, Vorstand und Gesellschafterversammlung auf der anderen Seite.

Die Brücke ist auf der Suche nach einer neuen Geschäftsführung. Der Verein, so steht es auch in dem Stellenangebot beschrieben, betreibt seit vielen Jahren als Teil der gemeindenahen Psychiatrie in Flensburg Einrichtungen und Dienste im Bereich Wohnen und Begleitung. Man erwarte von den Bewerbern Personalführungskompetenz, einen angemessenen betriebswirtschaftlichen Hintergrund sowie fundierte Erfahrungen im Arbeitsfeld der Sozialpsychiatrie.

Das Bemerkenswerte: Sechs Geschäftsführer sind in gut zwölf Jahren verschlissen worden, wie Hans Thielsen, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung, bitter vermerkt. Markus Fischer, der seit Januar 2008 in führender Funktion tätig und seit April letzten Jahres Geschäftsführer ist, hat seinen Job bereits Anfang dieses Monats mit Wirkung zum 31. Oktober 2015 gekündigt.

Mit ihm hat der fünfköpfige Vorstand (bis auf eine ehemalige Mitarbeiterin) das Handtuch geworfen. Das wirft die Frage auf, ob die beworbene Stellung, wie es in der Anzeige angepriesen wird, tatsächlich ein „attraktiver Arbeitsplatz mit einem großen Gestaltungsspielraum“ ist.

Es war vielleicht einmal so. Als die Brücke an den Start ging, war die Keimzelle eine kleine Elterninitiative mit großen Ambitionen und viel Idealismus. Es sollte basisdemokratisch zugehen. „Wir hatten eine Idee, und die haben wir mit viel Herzblut gefüllt“, sagt eine langjährige Mitarbeiterin. Inzwischen aber habe sich die Philosophie grundlegend verändert, das Arbeitsklima verhärtet. Wendepunkt sei die Gründung einer GmbH gewesen. Die Geschäftsführung, so ist zu hören, habe die Einrichtung zu einem reinen Wirtschaftsunternehmen verkommen lassen. „Die haben Inklusion nicht verstanden“, sagt die Mitarbeiterin. Sie steht damit nicht allein unter ihren knapp 50 Kollegen. Einige Beschäftigte haben der Einrichtung den Rücken gekehrt – oder aber wurden entlassen. „Die Kommunikation ist zum Erliegen gekommen“, sagt ein anderer Mitarbeiter. „Wir stehen am Ende einer Befehlskette, werden nur noch vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Fischer selbst will sich zu der Angelegenheit öffentlich nicht äußern. Dafür aber spricht Knut Franck in seiner Funktion als Vorstandsmitglied. „Die Situation hat sich in den letzten Wochen zugespitzt.“ Man habe auf der Leitungsebene eine neue Besitz- und Führungsstruktur aufbauen wollen, sagt er. „Wir haben immer offen gearbeitet und nichts zu verbergen.“ Doch in diesen Bestrebungen sei man vom Betriebsrat und „bestimmten Teilen der Mitarbeiterschaft torpediert worden.

Bei der letzten Mitgliederversammlung, so der ehemalige Vereinsvorsitzende, habe „eine dicke Luft geherrscht, die man mit dem Messer schneiden konnte“. Er verteidigt den Kurs der Gesellschafterversammlung: „Es gibt einen wahnsinnigen Konkurrenzkampf im Bereich der psychiatrischen Versorgung, den wir aushalten müssen.“ Dass sich nun auch noch interne Probleme hinzugesellen, macht ihm sichtlich zu schaffen.

Alleiniger Gesellschafter der Brücke Flensburg ist der Verein, in dem neben Betreuern und Unterstützern auch Betreute Mitglied sind. Hans Thielsen, der im Vorstand sitzt, betont, dass der aktuelle Geschäftsführer und dessen Vorgängerin regelrecht „geflohen“ seien – wegen der „Nicht-Regierbarkeit“ des Vereins. „Es gibt eine hartnäckige Gruppe, die partout alte Zustände wieder herstellen will“, sagt Thielsen. Die Zeit etwa, als Mitarbeiter noch im Vorstand saßen und quasi ihre eigenen Chefs gewesen seien. Aus dieser Ecke sei sogar die Forderung an den Vorstand gestellt worden, den Platz sofort freizumachen. „Doch wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“ Gleichwohl stehe der jetzige Vorstand nicht mehr zur Verfügung. Thielsen weiß, wovon er spricht – 30 Jahre lang war er Geschäftsführer der Mürwiker Werkstätten. „Wir sind ja keine Gurkentruppe“, formuliert er plakativ, „ aber haben die Nase langsam voll.“

Für den heutigen Donnerstag ist eine Vorstandssitzung einberufen worden. Und im September soll in einer Mitgliederversammmlung ein neuer Vorstand gewählt werden. Die Bewerbungen für den Posten des Geschäftsführers sind dem Vernehmen nach spärlich. Knut Franck bringt es auf den Punkt: „Entweder geben wir dem Verein ein neues Gesicht oder er geht in einem anderen Unternehmen auf.“ Die Brücke steht am Scheideweg.

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erstellt am 26.Aug.2015 | 16:32 Uhr

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