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Jugendamt sucht Ehrenamtler : Vormünder gesucht: Wer kümmert sich um junge Migranten?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden steigt sprunghaft an. Wer kann sich um die Jugendlichen kümmern?

von
erstellt am 26.Nov.2015 | 18:50 Uhr

Havetoft | Er nennt sich Denden, stammt aus Eritrea, ist 18 Jahre alt und kam vor zwei Jahren ins Elisabethheim nach Havetoft. Die Flucht des fröhlichen jungen Mannes vor Terror, Verfolgung und lebenslangem Militärdienst dauerte ein ganzes Jahr. Über Äthiopien, den Sudan und Libyen gelangte er ans Mittelmeer. Drei Tage dauerte die Überfahrt in einem kleinen Boot. „Sehr gefährlich“, ist alles, was Denden dazu sagt. Auch er sieht täglich im Fernsehen die Nachrichten mit den schrecklichen Bildern der gekenterten Boote und ertrunkenen Flüchtlinge.

Denden will seinen Nachnamen nicht öffentlich nennen, er will auf dem Foto nicht zu erkennen sein und nicht über seine Eltern sprechen. Er weiß aus Erfahrung, dass sie in Eritrea drangsaliert werden, wenn herauskommt, dass er geflüchtet ist.

Über seine Zeit in Havetoft und seine Zukunft in Deutschland dagegen redet er gern. Er will weiter in Havetoftloit Fußball spielen, die Schule abschließen und eine Lehrstelle als Elektriker finden. In den zwei Jahren in Havetoft hat er sich sicher und gut aufgehoben gefühlt. Durch das Team im Heim – und nicht zuletzt durch die Betreuung durch einen gesetzlichen Vormund. „Wenn ich irgendwelche Probleme hatte, konnte ich mich immer an ihn wenden“, sagt Denden.

Üblicherweise werden Jugendlichen mit Problemen bei Bedarf vom Amtsgericht hauptamtliche Vormünder zur Seite gestellt. Acht Vollzeitstellen gibt es dafür im Jugendamt des Kreises Schleswig-Flensburg – jeder darf maximal 50 Vormundschaften übernehmen. „Wir sind eigentlich schon mit den deutschen Jugendlichen voll ausgelastet, sagt Maryam Völkert, die Leiterin des Vormundschaftswesens im Kreis. Zudem hat das Jugendamt auch 100 Vormundschaften für so genannte unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Viele von ihnen wurden von ihren Eltern alleine auf die gefährliche Reise geschickt, andere wurden während der Flucht von ihren Familien getrennt.

Da der Kreis Schleswig-Flensburg über 1000 Betreuungsplätze für Jugendliche in diversen Einrichtungen verfügt, werden ihm auch Jugendliche aus den kreisfreien Städten und anderen Kreisen zugeordnet. „Und es ist Aufgabe der Jugendhilfe, für die Betreuung zu sorgen“, erklärt Landrat Wolfgang Buschmann.Diese aber ist mit der Aufgabe mehr und mehr überfordert. Dabei geht es weniger um die Unterbringung wie beispielsweise im Elisabethheim, sondern momentan vor allem um Vormundschaften.

Zurzeit sind mehr als 80 unbegleitete minderjährige Asylsuchende in der Warteschleife. Erheblich verschärft wird das Problem voraussichtlich in gut zwei Wochen, wenn die Erstaufnahme in Eggebek ihren Betrieb aufnimmt. Bei der Registrierung werden viele Flüchtlinge erst als minderjährig erkannt – und müssen sofort in Obhut genommen werden. „Dann wird es einen sprunghaften Anstieg geben“, sagte der Landrat voraus. Um die Betreuungsaufgaben zu bewältigen, werden im Jugendamt sofort drei und später noch einmal drei neue Stellen geschaffen. Doch das wird längst nicht reichen. „Darum werben wir zusammen mit dem Kinderschutzbund um ehrenamtliche Vormünder“, erläuterte Buschmann. In der Theorie ist deren Aufgabe schnell beschrieben: Sie übernehmen die rechtliche Rolle der Eltern. Allerdings wohnen die Jugendlichen weiterhin in den Einrichtungen und es gibt die Mindestanforderung von einem Kontakt pro Monat.

Dabei aber bleibt es meist nicht, wie Maryam Völkert aus Erfahrung weiß: „Häufig entwickelt sich ein enges Verhältnis, weil beide Seiten es wünschen.“ Die Vormünder werden geschult, arbeiten eng mit Jugendamt und Kinderschutzbund zusammen, wie auch dessen Vorsitzender Jörg Smoydzin bestätigt. Er bezeichnete die Vormundschaft als „herausragende Tätigkeit“, denn es gehe neben der Betreuung auch darum, den Jugendlichen zu vermitteln, wie unsere Gesellschaft funktioniert und nach welchen Werten wir hier leben. „Viele kommen aus Diktaturen und kennen demokratische Strukturen nicht. Auch in den Einrichtungen wird viel in dieser Hinsicht getan. Aber auch als Vormund kann man durchaus mitwirken.“ Die meisten Jugendlichen kommen aus intakten Familien und haben in ihrer Heimat eine gute Schulbildung genossen. Aber viele haben auch traumatische Erlebnisse hinter sich. „Die Gespräche darüber muss man aushalten wollen“, sagt Smoydzin.

Der Kreis Schleswig-Flensburg veranstaltet am 9. Dezember eine Informationsveranstaltung, bei der alle Fragen geklärt werden können. „Es ist eine schöne Aufgabe, und wir hoffen auf viele Interessenten“, sagte Maryam Völkert.

Denden ist inzwischen 18 Jahre alt und braucht keinen Vormund mehr. Aber er hofft, dass die vielen, die sich nach ihm in den Kreis Schleswig-Flensburg retten, eine ähnlich gute Betreuung bekommen wie er selbst.

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