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Kropper Herbstgespräche : Von „Ühus“ und dem Glück der Alten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Ökonom Bernd Raffelhüschen erklärt auf launige Weise den demograpischen Wandel.

von
erstellt am 29.Nov.2014 | 07:43 Uhr

Dorfschulen schließen, Kirchenbänke bleiben leer, Menschen ziehen weg. Die Folgen des demographischen Wandels sind vielfältig – und zum Teil dramatisch. Ein ernstes Thema also. Aber eines, das man dennoch mit viel Humor aufzeigen kann. Jedenfalls wenn man Bernd Raffelhüschen heißt, sich Demograph nennt und in der Lage ist, trockene Statistik in unterhaltsame Worte zu verpacken. „Hurra, wir werden immer älter ...!? – Die Region mittendrin im demographischen Wandel“ hieß das Thema der 14. Kropper Herbstgespräche, für die der örtliche Gewerbeverein und das Regionalmarketing Kropp/Stapelholm den renommierten Professor für Finanzwissenschaft der Universität Freiburg hatte gewinnen können.

Für die aus dem Gleichgewicht geratene Alterspyramide hatte Raffelhüschen am Donnerstagabend schnell die Schuldigen ausgemacht. „Sie, die Sie hier sitzen, also die Generation ‚60 minus‘ – Sie waren mit dem Kinderkriegen ähnlich erfolgreich wie eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft“, wandte er sich an die annähernd 200 Gäste im Autohaus Thomsen. Einmal in Fahrt gekommen, setzte der 57 Jahre alte gebürtige Niebüller mit seinem derben nordfriesischen Humor nach: „Es gab in Deutschland schon einmal so wenig Kinder. Das war 1945. Sie als ‚60 minus‘ spielen also – demographisch gesehen – seit 40 Jahren Zweiter Weltkrieg.“

Raffelhüschen rechnete vor, dass jede Generation dank immer besserer Ernährung und Medizin vier bis sechs Jahre älter werde als ihre Elterngeneration. In 50 Jahren werde die Zahl der „Ühus“, also der Über-Hundertjährigen, drastisch zugenommen haben. „In der Statistik sprechen wir vom Heesters-Effekt.“ Und damit zeigte der Referent neben der zwangsläufig hohen Zahl an Pflegebedürftigen ein weiteres Problem auf: Dass der Kropper Bürgervorsteher heute einem Hundertjährigen in seiner Gemeinde gratulieren könne, sei eher selten. Zum Geburtstag bekomme der Gast in der Regel Kaffee und einen Cognac serviert. „Im Jahr 2063 kriegt der Bürgervorsteher dann einen Koffein-Flash und eine Leberzirrhose.“ Das Publikum tobte vor Lachen.

Zum Thema Rente fand das frühere Mitglied der Rürup-Kommission zur Zukunft der sozialen Sicherungssysteme ernstere Worte: „Wir müssen hoch mit dem Rentenalter. Aber was macht die Frau (Bundesarbeitsministerin) Nahles? Sie schickt die Leute mit 63 Jahren in Rente“, wetterte Raffelhüschen. Die abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren sei „Lobbyismus zugunsten der Gewerkschaften, nichts anderes“.

Dass Glück und Alter zusammenhängen – auch das wusste Raffelhüschen zu erklären. Schließlich zählt der Wissenschaftler ja zu den Herausgebern des „Glücksatlas“, der die Schleswig-Holsteiner als die zufriedensten Deutschen ausweist. Mit 55 Jahren steige statistisch gesehen die Zufriedenheit der Menschen an. Das sei der Moment, wo die Enkel als „absolute Glücksbringer“ ins Leben treten. Raffelhüschens Schlussfolgerung: „Eine alternde Gesellschaft ist eher zufrieden.“ Eine Prognose, mit der sich das 60-minus-Publikum durchaus anfreunden konnte.

Der zweite Gast des Abends hatte es nach dem Auftritt seines Vorredners nicht unbedingt leicht. „Der Raffelhüschen war ja sehr lustig. Da soll man erstmal gegen ankommen“, räumte Hans Scheibner unumwunden ein. Aber der Altmeister des Kabaretts weiß auch mit 78 Jahren sein Publikum noch zu begeistern. Egal ob mit seinem Rentner-Song oder mit dem Sketch über den aus dem Altersheim entflohenen Willi Pahlke – Scheibner rundete humoristisch wie auch thematisch die Kropper Herbstgespräche perfekt ab.

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