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Schleswiger Nachrichten

18. August 2017 | 22:59 Uhr

Von Rendite und Talenten

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Wer hat, dem wird gegeben – auch wenn Theologen über das biblische Gleichnis von den anvertrauten Zentnern im Matthäus-Evangelium ganze Bücher schreiben können, ist dies doch die meist zitierte und vor allem eine systematisch befolgte Textstelle. Sie wird im urkapitalistischen Bankengewerbe im täglichen Geschäft bestätigt. Je mehr man hat, desto mehr beschäftigt man sich in unserer Gesellschaft mit Zinsen und Renditen. Das gilt freilich auch für die Institution Kirche.

Doch was tun, wenn Zinsen gen Null tendieren und Renditen mit einem immer höheren Risiko auf den Anlagemärkten behaftet sind? Allzu riskante Geschäfte stehen der Kirche nicht gut zu Gesicht. In Norderbrarup nimmt man deshalb aus der Not heraus das Gleichnis nun wörtlich. Weil dort das Gotteshaus und der älteste Kirchturm im Land saniert werden müssen, aber nicht genug Geld in der Kasse ist, macht der Kirchbauverein „pro Nase“, wie es in einer Mitteilung heißt, zehn Euro locker. Jeder Gottesdienstbesucher in St. Marien darf zugreifen und wie bei Matthäus die drei Diener ein Jahr lang versuchen, das ihm anvertraute Gut zu mehren. Dabei ist der Fantasie keine Grenze gesetzt. Wer mitmacht, soll vor allem seine Talente einsetzen, um – nach Möglichkeit auch noch mit Vergnügen – eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften.

Wie das gehen kann, hat vor einiger Zeit übrigens der Waldorfschüler Jakob Strehlow aus Bönstrup demonstriert, der seine Mission mit einem grünen Luftballon begann und durch geschicktes Tauschen nach einem Jahr eine Luxusuhr im Wert von rund 3000 Euro in Händen hielt. Für zehn Euro bekommt man jede Menge Luftballons. Und sind die Norderbraruper ebenso geschickt wie Jakob, dann sollte es ein Leichtes sein, die Sanierungskosten von 600 000 Euro zusammenzubekommen.

Und was geschieht, wenn aus den zehn Euro nicht mehr wird? „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.“ An dieser Stelle können wir sicher sein, dass die Norderbraruper das Matthäus-Evangelium nicht befolgen werden. Schließlich wäre eine sanierte Kirche ohne Kirchgänger ein ausgesprochen schlechtes Geschäft.

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erstellt am 28.Nov.2014 | 12:26 Uhr

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