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Arzt am Helios-Klinikum : Von Indien an die Schlei

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Acht ausländische Ärzte arbeiten im Helios-Klinikum – einer von ihnen ist Ravi Philipp aus Hyderabad.

von
erstellt am 01.Jan.2014 | 07:55 Uhr

Manchmal beschleicht Ravi Philipp (39) ein schlechtes Gewissen. Weil seine alten Eltern zu Hause in Indien ohne ihn als den einzigen Sohn zurechtkommen müssen, aber auch, weil er den vielen Kranken in seinem Heimatland nicht helfen kann. In diesem Zwiespalt steckt der junge Mediziner, seit er vor 13 Jahren nach Schleswig-Holstein kam. Ravi Philipp ist als Radiologe am Helios-Klinikum Schleswig tätig, wo er sich nach eigenem Bekunden äußerst wohl fühlt: „Ich mag meine Kollegen sehr, sie sind wie Familie für mich. Und mit den Patienten komme ich gut klar.“ Im kommenden Jahr strebt er seinen Facharzt an. Dass das klappt, dafür sieht sein Chef Dr. Andreas Hohmann beste Chancen.

Außer Ravi Philipp (vor seiner Heirat mit einer Brandenburgerin hieß er mit Nachmamen Bhimadolu) beschäftigt die Schleswiger Akutklinik derzeit acht weitere Mediziner aus dem Ausland. Sie kommen aus Syrien, Russland, Estland, Indonesien, aus dem Iran, aus der Türkei und aus Tschechien. Um sprachliche Hürden zu beseitigen, hat das Krankenhaus für sie einen Konversationskurs installiert, der besonders auf den medizinischen Alltag abgestimmt ist. „Es wird schwieriger, freie Arztstellen zu besetzen, natürlich auch in Schleswig“, sagt Hohmann, Ärztlicher Direktor am Helios-Klinikum. Man freue sich daher über die Verstärkung aus dem Ausland und helfe dabei, Sprachprobleme schnell zu beheben.

Als Ravi Philipp, der aus Hyderabad im südlichen Indien stammt, 2001 nach Schleswig-Holstein kam, sprach er kein Wort Deutsch. Und heute? Fast akzentfrei – wobei immer wieder sein angenehmer Humor mit einfließt –, schildert der Arzt seinen beruflichen Weg. Ein Weg, auf dem sich nicht Stolpersteine, sondern geradezu Felsbrocken befunden haben. Doch der Inder hielt durch. Der Reihe nach: Mit Deutschland war er durch seine Brieffreundin aus Brandenburg in Kontakt gekommen. Sie hatte ihn schließlich in Indien besucht – „und ich verliebte mich in sie“.

Trotz des verzweifelten Widerstands seines Vaters folgte er seiner Freundin nach Deutschland. „Ich war 24 Jahre alt und fertiger Arzt.“ Ein Status, mit dem er in seinem Heimatland Indien finanziell ausgesorgt hätte.

Doch dann kam Deutschland. Der große Schreck: Seine Approbation als Arzt wurde hier nicht anerkannt. „Bis auf die ersten vier Semester musste ich Medizin noch einmal von vorn studieren, insgesamt 44 Scheine nachholen.“ Das sei „reiner Schwachsinn“ gewesen, sagt er. Schließlich hatte es die Ausbildungssituation in Indien mit sich gebracht, dass auf jeden Mediziner sehr viel mehr Patienten kämen als es in deutschen Kliniken und Praxen je der Fall sein könnte. „Dadurch lernt man natürlich viel über Krankheiten und Diagnostik.“ Aber das half ihm nun nicht weiter, er musste noch einmal sechs Jahre in seine Ausbildung investieren: „In Indien war ich der Jüngste im Studium, hier war ich irgendwann der Älteste. Ich hing beruflich völlig in der Luft.“ Zwar erhielt er Bafög, aber ohne die Hilfe seiner Freundin hätte er die unendliche Geschichte der Ausbildung nur schwer überstehen können. „Diese wirtschaftliche Abhängigkeit fällt einem Mann aus Indien natürlich besonders schwer“, meint er mit einem Tick Selbstironie. Um die Vertiefung der Deutschkenntnisse kümmerte er sich nebenher intensiv. „Ich finde, der Ausländer ist immer selbst dafür verantwortlich, sich zu integrieren. Sprachlich wie kulturell.“ Bei Ravi Philipp hat es ohne Abstriche funktioniert. Er empfindet es so: „Ich vergesse oft, dass ich fremd bin.“

 

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