Vom Möweninsel-Paradies vertrieben?

<dick>Die Möweninsel</dick> stets im Blick: Möwenkönig Gerd ('Pico') Roß. Foto: Bühmann
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Die Möweninsel stets im Blick: Möwenkönig Gerd ("Pico") Roß. Foto: Bühmann

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01. April 2010, 07:27 Uhr

Schleswig | Wenn Gerd Roß auf den Balkon seines Hauses am Holm tritt, hat er meist sein Fernrohr zur Hand. Damit nimmt er die Möweninsel ins Visier, mehrmals am Tag. Denn als Möwenkönig will "Pico" Roß, wie er auf dem Holm genannt wird, stets wissen, was sich dort gerade tut. Nach dem langen Winter herrscht fast hektische Aufbruchstimmung in der Vogelwelt. "Die Silbermöwen sind schon heftig am Turteln. Und sie fangen an, ihre Nester auf der Möweninsel zu bauen", sagt er. Ende Mai beginnt die Brutzeit. Und die Lachmöwen? Wo sind sie abgeblieben?

"Seit etwa fünf Jahren wurde keine Lachmöwe mehr auf der Insel gesichtet - auch in diesem Frühjahr nicht", berichtet Pico Roß. Die Lachmöwen, die bis vor wenigen Jahren auf der Möweninsel wie in der gesamten Schleistadt zahlreich vertreten waren, scheinen sich tatsächlich zurückgezogen zu haben. Wurden sie von der immer stärker werdenden Silbermöwen-Kolonie vertrieben? "Man weiß es nicht", meint Roß, der seit 1990 als "Möwenberg"-Referent beim Verein Jordsand tätig ist. Die Möweninsel ist seit 20 Jahren eines der Betreuungsreservate dieses Vereins, der zum Schutz der Seevögel und der Natur 1907 in Hamburg gegründet wurde. Eigentümer der Möweninsel ist das Land Schleswig-Holstein, das die Insel an den Jordsand-Verein verpachtet hat.

Die Lachmöwe mit ihrem charakteristischen schwarzen Kopf unterscheidet sich leicht von der mehr als doppelt so großen Silbermöwe. Bisher gehörte die Lachmöwe zum Stadtbild und zur Geräuschkulisse in Schleswig dazu. Aber offenbar kehrt sie der Schleistadt den Rücken. Denn Pico Roß hat festgestellt, dass sie woanders nach wie vor vertreten ist - etwa in Schuby auf einer kleinen Sandinsel oder auch an anderen Stellen der Schlei. Möglicherweise tragen nicht nur die Silbermöwen in Kompaniestärke zur Vertreibung der kleineren Lachmöwen bei. Für Lachmöwen sei ein weiteres Problem hinzugekommen, mutmaßt Roß: die Wanderfalken. Zur Zeit werden zwei balzende Wanderfalken in der Nähe des Domes beobachtet, die sich möglicherweise in den frisch zurecht gemachten Nistplätzen am Dom niederlassen werden. So erfreulich diese Tatsache ist, zählen auf der anderen Seite die Wanderfalken zu den Feinden der Lachmöwen, da sie von ihnen im Fluge geschlagen werden können. Eindrucksvolles Beispiel: In einem Baum vor dem Westportal des Domes hängt ein abgeschlagener Möwenflügel.

Um zu verdeutlichen, wie stark und schnell auf der Möweninsel die Population der Silbermöwen zugenommen hat, nennt Pico Roß einige Zahlen: Noch 2006 habe man 280 Silbermöwen-Eier während der Brutzeit gezählt - 2009 waren es bereits 450.

Dass Ratten ebenfalls an der Vertreibung der Lachmöwen aus dem Inselparadies beteiligt sein könnten, bezweifelt Pico Roß. "Es hat immer Ratten auf der Möweninsel gegeben, mal mehr, mal weniger. Ich glaube nicht, dass das damit zu tun hat".

Hafenausbau beginnt

Die Möweninsel schrumpft - dieser Prozess soll noch in dieser Saison gestoppt werden. Eigentlich misst die Insel 2,3 Hektar - doch durch Erosion und Absterben des Schilfes wurde mit den Jahren immer mehr Sand und Erde weggespült. Abhilfe wird bald geschaffen, indem der Schlick, der in den kommenden Wochen durch die geplanten Ausbaggerungen am Stadthafen entsteht, über Schläuche zur 250 Meter entfernten Möweninsel gespült werden soll. Allerdings können die Arbeiten auf der Insel selbst erst im Herbst beginnen, nachdem die Seevögel abgezogen sind.

Aber voraussichtlich heute werden bereits die Baggerarbeiten am Hafen beginnen, teilt Stadtwerke-Geschäftsführer Wolfgang Schoofs auf Nachfrage mit. Etwa 3 500 Kubikmeter Schlick - das sind etwa 250 Lkw-Ladungen voll - werden befördert. Diese Menge steht zur Verfügung, um die Schleswiger Möweninsel für kommende Stürme zu wappnen.

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