Nach Parkhaus-Überfall in Schleswig : Vom Kriminellen zum Familienvater und wieder zurück

Das Gewoba-Parkhaus an der Moltkestraße: Hier raubte der Täter im Oktober des vergangenen Jahres eine 80-jährige Rentnerin aus.
Das Gewoba-Parkhaus an der Moltkestraße: Hier raubte der Täter im Oktober des vergangenen Jahres eine 80-jährige Rentnerin aus.

Wie aus einem drogensüchtigen Dauer-Kriminellen ein Familienvater wurde – dem sein Leben dann doch wieder entglitt.

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16. Juni 2018, 07:46 Uhr

Schleswig | Es war ein Freitagmorgen um kurz nach halb neun, als eine 80-jährige Rentnerin im Gewoba-Parkhaus an der Moltkestraße in Schleswig vor dem Kassenautomaten stand, als hinter ihr plötzlich ein maskierter Mann auftauchte, sie mit einer Pistole bedrohte und ihr Portemonnaie samt 200 Euro raubte.

Die alte Dame hat den Schock bis heute nicht überwunden. Sie traut sich alleine nicht mehr aus ihrer Wohnung, und auch zu Hause hat sie Angst, dem Räuber wieder zu begegnen. Dank der Bilder der Überwachungskamera im Parkhaus wurde der Täter zwar wenig später von der Polizei gefasst, kam aber wieder auf freien Fuß, weil keine Fluchtgefahr bestand und auch sonst keine Haftgründe vorlagen.

Gegen ihn begann nun der Prozess vor dem Flensburger Landgericht. Im Verhandlungssaal war als Gutachter auch der Chefarzt der Forensik in der Schleswiger Helios-Fachklinik anwesend. Dort saß der heute 41-jährige Angeklagte bis vor wenigen Jahren ein, und bis kurz vor dem Überfall im Parkhaus sah es so aus, als wäre seine Therapie eine echte Erfolgsgeschichte. Dabei war seine Ausgangssituation denkbar schlecht.

Mit neun Jahren rauchte er seine erste Zigarette, mit elf Jahren seinen ersten Joint. Als er 14 war, zog seine Mutter aus der gemeinsamen Wohnung im Süden Hamburgs aus zu ihrem neuen Freund und ließ ihn allein zurück. Mit 19 wanderte er zum ersten Mal für längere Zeit ins Gefängnis. Als er wieder auf freiem Fuß war, dauerte es nur zehn Tage, bis er erneut straffällig wurde.

Familien-Idylle

Nach dem Drogenentzug in der Schleswiger Forensik schien sein Leben sich komplett zu ändern. Er fand einen Arbeitsplatz in einem Handwerksbetrieb, heiratete, bekam zwei Kinder und kaufte vor fünf Jahren ein Haus in einem Dorf in der Umgebung. „Mit dem Haus und den Kindern, da haben wir uns wohl überschätzt“, sagte er nun vor Gericht. Er verlor seinen Arbeitsplatz „aus wirtschaftlichen Gründen“, wie er betonte, ungefähr zur selben Zeit ging auch die Ehe in die Brüche. Er nahm sich eine kleine Wohnung in der Schleswiger Innenstadt, und auf der Straße traf er immer wieder auf alte Bekannte aus Forensik-Zeiten.

So kam er auch wieder mit Drogen in Kontakt. Eine Weiterbildungsmaßnahme brach er ab, so wurde ihm schließlich für vier Monate der Leistungsbezug gestrichen. Manche Dinge, die ihm wichtig waren, gelangen ihm trotzdem noch. So zog er im Spätsommer des vergangenen Jahres um in eine etwas größere Wohnung, wo seine beiden Kinder, wenn sie übers Wochenende bei ihm waren, ein eigenes Zimmer hatten.

Spontaner Raub

Am Tag des Überfalls sollten die beiden wieder kommen. In der Nacht zuvor hatte er bis in die Morgenstunden Drogen konsumiert, und er war komplett pleite. „Ich wusste nicht mehr, wie ich für meine Kinder etwas zum Essen kaufen sollte“, sagte er. Daraufhin sei er spazieren gegangen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Die Idee, im Parkhaus jemanden zu überfallen, sei ihm spontan gekommen.

Weshalb er denn eine Softair-Pistole dabeigehabt habe, ein Imitat der Polizeiwaffe Walther P99, wollte das Gericht wissen. „Die habe ich immer bei mir“, antwortete er. „Es gibt in Schleswig nun einmal nicht nur Menschen, die einem wohlgesonnen sind.“ Von den Überwachungskameras im Parkhaus wusste er nichts. Auch bekam er nach eigenen Angaben nichts davon mit, als öffentlich mit einem Foto nach ihm gefahndet wurde.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Dann fällt voraussichtlich das Urteil.

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