Blinde Radfahrer : Volles Vertrauen in den Vordermann

Saßen fest im Sattel: Alle 13 Paare bestanden aus erfahrenen Radlern.
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Saßen fest im Sattel: Alle 13 Paare bestanden aus erfahrenen Radlern.

Sie lieben Steigungen und Abfahrten, den Fahrtwind und das Gefühl des vibrierenden Lenkers. Nur sehen können sie all das nicht. Denn die Radfahrer des Tandems-Clubs „weiße Speiche“ sind allesamt blind.

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13. Juni 2014, 07:45 Uhr

Erst wenn es bergauf geht, kommt Uli Staniullo aus Hamburg so richtig in Fahrt. Der 50-Jährige unternimmt seit 27 Jahren Radtouren mit dem Tandem-Club „Weiße Speiche“ und freut sich dabei immer besonders über ein hügeliges Terrain. „Mit Steigungen kenne ich mich bestens aus“, sagt er. Allerdings nur vom Gefühl her, denn Uli Staniullo ist von Geburt an blind. Zum 30-jährigen Jubiläum des Tandem-Clubs für Menschen mit Sehbehinderungen ging es auf eine besondere Tour durch das Schleswiger Umland.

Viele seiner Mitfahrer von der „weißen Speiche“ können ebenfalls nicht sehen. Ihr Tandem-Club ist jedoch ein Behindertensportverein, der ihnen die Möglichkeit bietet, sich sportlich zu betätigen und aktiv am Leben teilzuhaben. Alle drei Wochen radeln die Mitglieder am Wochenende in Pärchen über die Straßen. „Meist legen wir bis zu 60 oder 70 Kilometer am Tag zurück“, berichtet Staniullo. Die blinden Passagiere sitzen auf dem Tandem dann natürlich hinten. Vorne nehmen entweder Ehe-, Lebens- oder Vereinspartner Platz. Insgesamt waren in dieser Woche 13 Paare auf Schleswigs Straßen unterwegs.

Mit dieser Sitzverteilung behalten sie immer den Überblick. Auch bei Abfahrten, die Staniullo sehr gefallen. „Es besteht dabei zwar immer ein gewisses Risiko, aber für Blinde sind Abfahrten das Highlight beim Radeln. Eine schöne Abfahrt mit 50 oder sogar 60 Stundenkilometern macht einfach Spaß“, erklärt der 50- Jährige Tourenwart. Probleme tauchen dagegen eher unvorhergesehen auf, wie zum Beispiel ein Hund, der auf die Straße läuft. „Deshalb ist eine gute Kommunikation unerlässlich“, erklärt Staniullo.Vor allem am hinteren Ende der Gruppe muss immer eine Verbindung zur Spitze gehalten werden. Deshalb fährt dort meist der erfahrene Staniullo mit seiner Partnerin.

Der 50-Jährige ist aber nicht der Einzige mit viel Erfahrung. Rudolf Gabler ist auch schon seit 20 Jahren mit dabei und begeistert von den Radtouren. „Es ist toll die Landschaften beschrieben zu bekommen. Und in den Pausen halten wir immer kleine Lesungen ab“, sagt er. In dieser Woche bekam er unter anderem Berichte über Frirdrichstadt, Bergenhusen und den Eckernförder Strand zu hören. „So können Blinde die Umwelt aktiv erleben“, sagt Staniullo. Inklusion sei so ein schreckliches Wort, aber wenn es auf eine Sache zutreffe, dann wohl auf diese Radtouren.

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