Schleswig : Volkskunde-Museum vor dem Abschied

Attraktionen wie der 'Aktionstag Pferd und Wagen' - das nächste Mal am Sonntag, 13. Mai, von 10 bis 16 Uhr  - locken immer wieder hunderte Besucher ins Volkskunde-Museum auf dem Hesterberg. Foto: Rühmann
Attraktionen wie der "Aktionstag Pferd und Wagen" - das nächste Mal am Sonntag, 13. Mai, von 10 bis 16 Uhr - locken immer wieder hunderte Besucher ins Volkskunde-Museum auf dem Hesterberg. Foto: Rühmann

Aus für den Hesterberg: Das Schleswiger Volkskunde-Museum verschwindet. Ab 2013 soll es mit dem Freilichtmuseum in Molfsee bei Kiel zusammengelegt werden.

shz.de von
05. Mai 2012, 01:25 Uhr

Schleswig | Besuchen Sie das Volkskunde-Museum auf dem Hesterberg, solange es - dort - noch steht! So könnte man den Schleswigern und allen Kulturtouristen zurufen, die sich in die volkskundlichen Sammlungen und Ausstellungen auf dem ehemaligen Kavallerie-Gelände verirren. Um die 18.000 Besucher sollen das pro Jahr sein. Und das ist definitiv zu wenig. Deswegen wird das Schleswiger Volkskunde-Museum mit dem Freilichtmuseum in Molfsee bei Kiel zusammengelegt.
Der erste Schritt dazu steht für den 1. Januar 2013 an. Dann vereinen sich beide Museen zu einem gemeinsamen Bereich unter dem Dach der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen. Direktor wird der frisch inthronisierte Molfsee-Chef Dr. Wolfgang Rüther, bis vor kurzem noch Geschäftsführer des Niedersächsischen Heimatbundes. Wie die jetzigen beiden Schleswiger Volkskunde-Protagonisten künftig eingebunden werden, ließ sich aktuell nicht ermitteln.
"Für einen Ausstellungsbetrieb gänzlich ungeeignet".
Sicher ist: Rüther wird auf Augenhöhe mit dem künftigen Direktor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte und dem Obersten des Archäologischen Landesmuseums agieren. Mit am Tisch in der Direktorenkonferenz sitzen dann übrigens auch Frank Zarp, Leiter Öffentlichkeitsarbeit/Marketing, und Corinna Endlich, Leiterin Bildung/Vermittlung.
Der zweite Schritt dürfte in den Jahren 2015/16 vorgenommen werden. Dann nämlich wird der Ausstellungsbetrieb auf dem Hesterberg eingestellt. Die Kompensation soll in Molfsee erfolgen - in Gestalt einer noch zu bauenden Ausstellungshalle; Kostenpunkt: rund fünf Millionen Euro. Die historischen Gebäude auf dem Molfsee-Gelände jedenfalls, betont Professor Dr. Claus von Carnap-Bornheim, seien "für einen Ausstellungsbetrieb gänzlich ungeeignet".
Molfsee kann pro Jahr deutlich über 100.000 Besucher verbuchen
Der Leitende Direktor der Stiftung ist seit langer Zeit ein engagierter Befürworter der Volkskunde-Zusammenlegung. "Bislang arbeiten beide großen Sammlungen nebeneinander her", bemängelt er. Durch die Fusion entstehe "eines der größten volkskundlichen Museen" Deutschlands. Molfsee kann immerhin pro Jahr deutlich über 100.000 Besucher verbuchen.
Zudem, so von Carnap-Bornheim, sei das Volkskunde-Museum in Schleswig "immer stiefmütterlich behandelt worden". Aber auch der Standort sei "nicht wirklich angenommen worden". Gemessen an diesen Handicaps bescheinigt aber auch der Stiftungs-Chef den Hesterberger Volkskundlern "hervorragend kreative Arbeit". Das belege auch die aktuelle Ausstellung über die Geschichte der Kindheit. Dieser frische Impuls aus Schleswig soll dem eher konventionellen Molfseeer Museums-Ambiente zugute kommen. Die "soziale Wirklichkeit", so von Carnap-Bornheim, darf gerade auch in der Zurschaustellung bäuerlicher Kultur nicht ausgespart werden. Umgekehrt werde darüber nachgedacht, auch im Gottorfer Schloss, wenn denn der Museums-Rundgang einmal neu organisiert wird, ein "volkskundliches Schaufenster" zu behalten bzw. einzurichten.
Schleswiger Museumslandschaft verliert wichtigen Baustein
In Molfsee befindet sich das größte Freilichtmuseum Norddeutschlands. Mehr als 70 historische Gebäude sind auf dem 60 Hektar großen Gelände aufgerichtet worden; eine eigene Museumsbahn befördert die Besucher. Trotz dieser Attraktivität ist die bisherige Bilanz des 1965 eröffneten Museums eher negativ. Im Jahr 2008 drohte eine Insolvenz und personelle Querelen dominierten bis zum kürzlichen Amtsantritt des neuen Direktors immer wieder die Außenwirkung.
Ein weiteres Argument für die Zusammenführung der Volkskunde - die ungewisse Zukunft der vielen kleinen, privaten, aber nicht weniger verdienstvollen Sammlungen im Lande einmal unberücksichtigt gelassen - soll aus der Nähe zum Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Kieler Universität resultieren. Hier allerdings muss sich erst zeigen, ob diese nach Selbstauskunft "empirisch arbeitende Kulturwissenschaft" mit ihrem Charakteristikum einer "thematischen, methodischen und theoretischen Breite" (also ... sehr breit) eine Bereicherung darstellen kann.
In jedem Fall aber wird die Schleswiger Museumslandschaft schon bald einen wichtigen Baustein verlieren, auch wenn dieser noch nicht eine brummende Erfolgsstory war.

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