Museums-Fusion : Volkskunde künftig nur noch ein Museumsmagazin?

Beeindruckende Ausstellung mit schleswig-holsteinischen 'Erinnerungsorten'  Foto: grafikfoto.de
Beeindruckende Ausstellung mit schleswig-holsteinischen "Erinnerungsorten" Foto: grafikfoto.de

Fusion von Hesterberg und Molfsee zum 1. Januar / Neues Landesmuseum für Volkskunde mit Molfsee-Chef

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15. Dezember 2012, 07:09 Uhr

Schleswig | Die Schleswiger Museumslandschaft steht vor einer strukturellen Veränderung mit gravierender Tragweite. Mit Wirkung zum 1. Januar 2013 wird das hiesige Volkskunde-Museum mit dem Freilichtmuseum Molfsee organisatorisch zusammengelegt. An die Spitze der neu geschaffenen Abteilung Volkskunde unter dem Dach der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen rückt, wie bereits im Mai dieses Jahres berichtet, der dort seit dem 1. April amtierende bisherige Molfsee-Chef Dr. Wolfgang Rüther. Er agiert künftig als Direktor "Freilichtmuseum Molfsee / Landesmuseum für Volkskunde" auf Augenhöhe mit den Leitern der Landesmuseen für Archäologie sowie Kunst und Kulturgeschichte.

Wesentlicher noch als die Veränderung des Organigramms der Stiftung ist das dahinter stehende Museums-Konzept. Denn inzwischen ist klar, dass mittelfristig der Ausstellungsbetrieb auf dem Hesterberg weitgehend eingestellt und auf das Gelände des Freilichtmuseums am Kieler Stadtrand verlagert wird. Zwar: Solange dort noch keine Unterbringungsmöglichkeiten vorhanden sind, bleibt eben dieser Betrieb auf dem Hesterberg vorläufig erhalten. Aber in jedem Fall wird die "Kulturstadt" Schleswig - das Etikett gründet sich insbesondere auf ihre Museumsangebote - einen wichtigen Bestandteil ihrer Attraktivität verlieren.

Die Gründe dafür sind vielfältig. So gibt es seit langem bei den Landesmuseen auf der Schlossinsel einen erheblichen Bedarf an zusätzlicher Depot-Fläche. Die historischen Speicherbauten mit ihren mehr als 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, jetzt von der Volkskunde genutzt, kämen da gerade recht. Sie sollen als "zentrales Sammlungsdepot der Stiftung", so der Bericht des Stiftungsrates für 2011, dienen - "auch für die Aufnahme von archäologischen und kunsthistorischen Sammlungsbereichen". Manche Ankäufe, so ein Insider, lagern derzeit unter "abenteuerlichen konservatorischen Bedingungen".

Argumentiert wird aber auch mit den Besucherzahlen des Volkskunde-Museums. Sie sind laut offizieller Statistik zwischen 2009 und 2011 von rund 21 800 auf rund 18 400 zurückgegangen. Das ist kein gutes Ergebnis, obwohl die beiden Museumsleiter Dr. Carsten Fleischhauer und Guntram Turkowski sich alle Mühe gaben und geben, attraktive Themen zu fokussieren. Aktuelle Beispiele sind die hervorragend durchkomponierte Dauer-Kinderausstellung "4 wie wir". Oder auch die - allerdings deutlich konventioneller hergerichtete - Ausstellung mit Kriegsspielzeug aus 100 Jahren unter dem Titel "War Games".

Tatsächlich ist es dem Gelände auf dem Hesterberg nicht gelungen, sich als groß nachgefragtes touristisches Highlight zu etablieren. Dr. Thomas Gädeke, komm. Leiter des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, kennt den Grund: "Wir haben die versteckte Lage des Komplexes unterschätzt." Die Bürgerinitiative Zukunftswerkstatt Schleswig sieht das ganz anders: "Das Museum leidet unter liebloser Behandlung! Warum gibt es nicht mehr und deutlichere Hinweisschilder als die kümmerlichen im Straßenbild oder in den Gottorfer Anlagen?"

Andererseits ist die Argumentation mit den Besucherzahlen ein dünnes Eis. Auch auf Schloss Gottorf sind die Frequenzen laut Stiftungsrat von 186 546 in 2009 auf 122 297 in 2011 zurückgegangen. Und auch in Molfsee sollen, so ein Kenner, die Besucherzahlen über die Jahre hinweg rückgängig sein.

Vor dem Hintergrund dieser "ökonomischen Zwangslage" bietet, so meint der Stiftungsrat in seinem letzten veröffentlichten Bericht, die Fusion der beiden Sammlungen "wissenschaftlich, aber auch museal großes Potential". Eine Schnittstelle zur universitären Volkskunde ist angedacht. Voraussetzung: "Die Möglichkeit und Bereitschaft, in die Ausstellungsinfrastruktur am Museumsstandort Molfsee erheblich investieren zu können."

Seit 2009 wurden dort, so der frühere Kulturminister Ekkehard Klug (FDP), von Bund und Land bereits rund fünf Millionen Euro investiert. Dennoch gibt es offenbar noch einen erheblichen Investitionsstau. 72 bäuerliche Gebäude wollen als "Schatzkiste unseres Landes" (Ex-Ministerpräsident Carstensen) dauerhaft hergerichtet sein. Mit der Integration des Schleswiger Volkskunde kommen, auch wenn das Grundstück vorhanden ist, noch einmal geschätzt zwischen zwei und fünf Millionen Euro obendrauf - für ein neues Gebäude samt Infrastruktur.

Laut Bericht des Stiftungsrates für 2010 ist für ein integriertes Volkskunde-Museum in Molfsee, nach Abarbeitung eines "Instandsetzungs- und Investitionsstaus von mehr als 10 Millionen Euro", auf Dauer mit einer jährlichen Subvention von 1,3 bis 1,6 Million Euro zu rechnen. "Nur", wenn dieser Subventionsbedarf als "institutionelle Förderung" vom Land anerkannt werde, sei eine Übernahme von Molfsee in die Trägerschaft der Stiftung "zu vertreten".

Genau dieses geschieht jetzt zum 1. Januar.

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