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Schleswiger Nachrichten

20. September 2017 | 00:42 Uhr

Schleswig : Verwaltung will mehr Klartext reden

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Einfache Sprache: Kreis und Capito unterzeichnen „Qualitätspartnerschaft“. Behördenschreiben sollen leichter zu verstehen sein.

von
erstellt am 11.Jul.2017 | 16:44 Uhr

Schleswig | Nur rund 20 Prozent der Bevölkerung verstehen, was ihnen Behörden mitteilen, wenn Bescheide ins Haus flattern. Die Schreiben sind kompliziert und von Verweisen auf Paragrafen durchsetzt. Sie spiegeln mehr das Streben nach Rechtssicherheit durch den Absender als nach Verständlichkeit für den Empfänger wider. Der Kreis will das ändern. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Behörde beschlossen, Mitarbeiter in „leichter Sprache“ schulen zu lassen. Jetzt wird die Zusammenarbeit mit dem Schleswiger Büro für barrierefreie Informationen, Capito, verstärkt. Landrat Wolfgang Buschmann und Jan-Henrik Schmidt, Leiter von Capito Schleswig-Holstein, unterzeichneten einen entsprechenden Kooperationsvertrag.

„Wir erleben, dass wir es im Arbeitsalltag manchmal schwer haben, unsere Inhalte rüberzubringen“, sagte Landrat Wolfgang Buschmann selbstkritisch. Genau das sei aber die Verpflichtung der Verwaltung. „Die Menschen müssen das, was wir transportieren, auch verstehen. Und allein schaffen wir das nicht.“ Schon im vergangenen Jahr hat sich die Kreisverwaltung deshalb entschlossen, Mitarbeiter bei Capito in einfacher Sprache schulen zu lassen. Zurzeit besuchen elf Mitarbeiter intensive Schulungen, die durch Präsenzwochen und Online-Workshops ergänzt werden. Nur Behörden, die einen festgelegten Kanon von Fortbildungen nach Richtlinien von Capito absolvieren, können in eine Qualitätspartnerschaft eintreten. Schmidt lobt den Kreis Schleswig-Flensburg dafür, als erste Behörde diesen Weg konsequent eingeschlagen zu haben. „Sie waren die Ersten.“

Simon Kerkhoff, Sachgebietsleiter für Eingliederungshilfe bei seelischen und suchtbedingten Beeinträchtigungen, verdeutlichte, wie Bescheide in einfacher Sprache funktionieren. Es beginne mit einem Perspektivwechsel – mit der Frage: Wen wollen wir mit dem Schreiben eigentlich erreichen? Das sei in seinem Sachgebiet, in dem er viel mit Menschen mit Behinderungen zu tun habe, besonders wichtig, aber eben nicht nur dort. Das Behördenschreiben selbst wird dann deutlich übersichtlicher gegliedert. Die Sätze werden kurz gehalten, die Schrift ist größer. Und was bis vor kurzem für undenkbar gehalten wurde, findet ebenfalls Einzug: Sämtliche Rechtshinweise, mit denen sich die Behördenmitarbeiter gewöhnlich juristisch absichern, die das Lesen aber ungemein verkomplizieren, werden ans Ende des Schreibens gesetzt. „Auch unser Hausjurist hat sich schulen lassen“, erklärt Kerkhoff, „so sind wir bei den Übersetzungen in leichte Sprache auch juristisch auf dem neuesten Stand“.

Die jetzt eingegangene Qualitätspartnerschaft beinhaltet, dass der Kreis durch Mitarbeiter übersetzte Schreiben durch Capito auf Verständlichkeit und Barrierefreiheit überprüfen und zertifizieren lassen kann. Außerdem können sich Mitarbeiter in Netzwerktreffen mit anderen Behörden austauschen und sich durch Capito beraten lassen. Buschmann: „Uns ist wichtig, dass es keine Eintagsfliege ist, sonst hätte sich der ganze Aufwand nicht gelohnt.“ Das bestätigt Schmidt: „Der große Aufwand ist tatsächlich gerechtfertigt – damit nicht so ein Desaster passiert wie bei der Wahl.“ Vor der Landtagswahl hatte der Landeswahlleiter im Kieler Innenministerium Benachrichtigungen verschickt, die viele Bürger mit vermeintlich leichter Sprache verschreckt haben.

 

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