Verwaiste Frauenarzt-Praxis in Treia : Versorgungslücke auf dem Lande

Keine Ruhe im Ruhestand:  Dr. Christa Lehrmann-Petersen an der Fotowand ihrer Praxis in Treia.
Keine Ruhe im Ruhestand: Dr. Christa Lehrmann-Petersen an der Fotowand ihrer Praxis in Treia.

Dr. Christa Lehrmann-Petersen ist im Ruhestand, der Nachfolger hat noch keine Zulassung.

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07. Juli 2015, 07:00 Uhr

In der Praxis von Dr. Christa Lehrmann-Petersen steht das Telefon nicht still. Im Minutentakt rufen Patientinnen an. Ob sie Beschwerden haben, ein Rezept möchten oder einen Termin machen wollen, erfährt die Kinderärztin nicht. Sie sitzt an ihrem leergeräumten Schreibtisch und lässt das Telefon klingeln. Christa Lehrmann-Petersen ist nicht mehr im Dienst, sie hat die Zulassung der Kassenärztlichen Vereinigung zurückgegeben und befindet sich damit im Ruhestand.

Eigentlich sollte sich die 64-Jährige auf die bevorstehende Zeit freuen, auf die Mountainbike-Touren zusammen mit ihrem Mann, auf das Geigespielen, auf mehr Zeit für ihren Enkel und auf die ehrenamtliche medizinische Arbeit mit den Flüchtlingsfrauen in der Gemeinde und im Amt. Aber Freunde kann sie zurzeit überhaupt nicht empfinden, denn viele ihrer ehemaligen Patientinnen sind medizinisch unversorgt.

Dabei steht ein Nachfolger in den Startlöchern. Dr. Arne Raetz aus Flensburg will die Praxis in Treia übernehmen und zusammen mit einer Kollegin weiterführen. „Damit wären alle Bereiche abgedeckt, die ich in der langen Zeit meiner Tätigkeit bearbeitet habe“, erklärt Christa Lehrmann-Petersen. Doch bei der Vergabe der Zulassung für ihren Nachfolger ist es zu Schwierigkeiten gekommen. Bei seinem Antrag habe er sich auf einen Hinweis aus der Kassenärztlichen Vereinigung verlassen und einen anderen möglichen Standort als Treia angeben, erklärt die Frauenärztin. Ein Fehler mit Folgen: Der Antrag wurde nämlich abgelehnt. Dadurch war plötzlich eine fatale Situation für die Patientinnen entstanden. Tausende Frauen, vornehmlich aus den Kreisen Schleswig-Flensburg, Nordfriesland und Rendsburg-Eckernförde, haben in den vergangenen mehr als 30 Jahren Vertrauen zu ihrer Ärztin in Treia gefasst – und sie alle stehen zurzeit ohne Ansprechpartner da. „Ich habe eine ganze Garage voll mit Patientenakten. Die darf ich aber nicht herausgeben, weil ich keine Zulassung mehr habe“, sagt Christa Lehrmann-Petersen. Die Notfälle habe sie an Kollegen in Flensburg, Husum und Schleswig vermitteln können, ansonsten müssten sich ihre Patienten notgedrungen an andere Kollegen wenden. Keine leichte Aufgabe, denn alle Ärzte haben ihre Patienten und auch ein Budget, mit dem sie zurechtkommen müssen. „Das hat für viel Enttäuschung und auch Ärger gesorgt, berichtet die Frauenärztin, „meine Mitarbeiterinnen sind teilweise sogar beschimpft worden – obwohl sie an der Situation nun überhaupt keine Schuld tragen“, sagt Christa Lehrmann-Petersen.

Auflösen lässt sich das Dilemma wohl nur durch eine möglichst schnelle Erteilung der Zulassung für ihren Nachfolger. Auf einen Widerspruch gegen die Entscheidung der Kassenärztlichen Vereinigung haben die Ärzte verzichtet. „Das hätte Monate gedauert“, sagt Christa Lehrmann-Petersen. Statt dessen hat Dr. Arne Raetz einen neuen Antrag gestellt, in dem er den Sitz der Praxis in Treia festgeschrieben hat. Der Zulassungsausschuss tagt wieder am 15. Juli. Dass die Praxis danach gleich wieder arbeiten kann, ist allerdings so gut wie ausgeschlossen. „Die Bearbeitungsdauer ist abhängig vom Aufwand der Bedarfsprüfung, beträgt aber in der Regel mindestens zwei bis drei Monate“, heißt es auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung. Das heißt: Es könnte Oktober werden, bis die Praxis in Treia wieder geöffnet wird.

„Ich hatte mich eigentlich sehr auf meinen Ruhestand gefreut“, die Christa Lehrmann-Petersen. Die Situation ihrer ehemaligen Patientinnen aber lässt sie nicht zur Ruhe kommen. „Das wird mir erst gelingen, wenn ich weiß, dass alles wieder in geregelten Bahnen verläuft“, sagt sie.

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