Nach Brandanschlag im Friedrichsberg : Versöhnungsszene vor Gericht

Am Morgen nach dem Brandanschlag steht ein Polizeiauto vor dem Wohnhaus an der Ecke Bahnhofstraße/Hornbrunnen.
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Am Morgen nach dem Brandanschlag steht ein Polizeiauto vor dem Wohnhaus an der Ecke Bahnhofstraße/Hornbrunnen.

Beim Prozessauftakt nach dem Brandanschlag im Friedrichsberg: Syrischer Familienvater reicht den Tätern die Hand.

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10. Januar 2018, 07:47 Uhr

3. März 2016 um 22.40 Uhr: Der Brandanschlag auf das Friedrichsberger Mehrfamilienhaus, in dem sich die syrische Flüchtlingsfamilie von Ahmad A. gerade mit Verwandten um den Esstisch versammelt hatte, ist in das Gedächtnis der ganzen Stadt eingegangen. Ein kleines Mädchen aus der neunköpfigen Familie war damals aus Angst vor dem Feuer gegen eine Wand geprallt und hatte sich dabei eine blutende Kopfwunde zugezogen. Die Meldung vom Brandanschlag versetzte Schleswig am Morgen danach in einen Schockzustand.

Doch jetzt, anderthalb Jahre später, hat Familienvater Ahmad A. den Tätern Lukas W. (19) und Dennis L. (24) die Hand zur Versöhnung gereicht. Es sei sicher nur ein „Dumme-Jungen-Streich“ gewesen, „junge Leute machen mal dumme Sachen“, sagte er gestern vor dem Jugendschöffengericht.

„Das ist eine sehr großzügige Einstellung von Ihnen“, erklärte dazu sichtlich beeindruckt Richterin Gudrun Mucke. Gestern fand im Amtsgericht der erste Verhandlungstag im öffentlichen Prozess gegen die beiden Schleswiger Angeklagten statt. Die Fortsetzung mit Urteilsverkündung ist für diesen Freitag ab 9 Uhr vorgesehen.

Der 48 Jahre alte Familienvater Ahmad A., der nach dem Anschlag das Feuer eigenhändig hatte löschen können, bevor die Feuerwehr eintraf, wurde in der Verhandlung befragt, wie der Brandanschlag damals aus seiner Sicht abgelaufen war. Bei seiner Schilderung konnte er sich an jedes Detail genau erinnern: An die Flüssigkeit am Fenster, an den Knall, an das Feuer. Und auch daran, wie er den beiden weglaufenden Tätern nachlief bis zum nahen Kindergarten am Hornbrunnen, dann aber in der Dunkelheit nichts mehr erkennen konnte. Gut zwei Monate später, zu Pfingsten 2016, hatte die Polizei dann die Täter gefasst – nach entscheidenden Hinweisen, die eingegangen waren, nachdem die Staatsanwaltschaft eine Belohnung über 3000 Euro ausgelobt hatte. Beide gestanden die Tat.

Richterin Mucke fragte im Laufe der Verhandlung die Angeklagten immer wieder nach ihren Motiven für die Tat. Welches Gedankengut dahinter steckt, ob eine politische Gesinnung eine Rolle spielte, versuchte sie herauszufiltern. Lukas W. – der Jüngere der beiden damals offenbar miteinander Befreundeten – gab an, politisch gänzlich uninteressiert zu sein. Dennis L. hingegen sagte, die ganze Flüchtlingspolitik („eben, dass immer mehr von denen hierher kommen“) sei ihm nun mal gegen den Strich gegangen. Nach einem, wie beide selbst sagten, starken Alkoholkonsum hätten sie an jenem Abend den Brandanschlag verübt. Sie hätten nicht die Absicht gehabt, dass dabei „wirklich jemand zu Schaden kommt“, sagten sie. Lukas W., der selbst bereits eine kleine Tochter hat, erklärte gegenüber dem Gericht: „Wenn wir gewusst hätten, dass Kinder im Haus sind, hätten wir das wohl nicht gemacht.“

Seine Mutter wie auch seine Freundin verfolgten hinter ihm von den Zuschauerreihen aus die Verhandlung. Während Lukas W. zurückhaltend und geläutert wirkte, zudem seine persönlichen Befindlichkeiten eloquent darzustellen vermochte, gab sich Dennis L. durchweg forsch.

Mit Spiritus habe man das Fenster der Wohnung der syrischen Familie bespritzt, um es dann mit einem Feuerzeug anzuzünden. Lukas W. bestritt jedoch, direkt am Anzünden beteiligt gewesen zu sein. Die beiden Angeklagten saßen zwar nebeneinander auf der Anklagebank, würdigten sich aber während der gesamten stundenlangen Verhandlung keines Blickes.

Frauke Bühmann

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