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Aus dem Schleswiger Amtsgericht : Vergewaltigung: Gefängnisstrafe für 75-Jährigen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Er ist nicht der älteste Vergewaltiger, der jemals in Deutschland verurteilt wurde – aber er ist nahe dran. Jetzt muss ein 75-Jähriger Schleswiger wohl ins Gefängnis.

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erstellt am 25.Jul.2017 | 12:24 Uhr

Er ist nicht der älteste Vergewaltiger, der jemals in Deutschland verurteilt wurde. Vor zwei Jahren war ein Mann aus Nordrhein-Westfalen noch zwei Jahre älter. Aber der 75-Jährige, der sich nun vor dem Schleswiger Amtsgericht verantworten musste, kommt nah heran an diesen Rekord. Der Mann aus dem Raum Schleswig, der in seinem langen Leben bisher noch nie strafrechtlich in Erscheinung getreten war, muss nun für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Dazu verurteilte ihn das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Martin Krauel.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte eine 65-jährige Frau im vergangenen August erst sexuell bedrängt und begrapscht und kurz darauf vergewaltigt hatte. Der Rentner, eine gepflegte Erscheinung – weißes Haar, hellblaues Sakko – bestritt die Vorwürfe, machte aber teilweise widersprüchliche Angaben.

Opfer und Täter kennen sich schon seit rund 50 Jahren. Damals begann die Frau eine Lehre in dem Unternehmen, in dem der Mann angestellt war. Sie hatten immer wieder Affären miteinander, verloren sich für Jahre aus den Augen und kamen wieder zusammen. Beide heirateten jemand anderes und gründeten Familien. Als die heute 37-jährige Tochter des Opfers im Zeugenstand die obligatorische Frage beantworten sollte, ob sie mit dem Angeklagten verwandt sei, antwortete sie: „Das kann ich nicht genau sagen. Ein Vaterschaftstest hat bisher nicht stattgefunden.“ Die Tochter war es, die ihre Mutter ermutigt hatte, Anzeige bei der Polizei zu erstatten.

Kurz vor den Ereignissen, die jetzt vor Gericht verhandelt wurden, hatte die inzwischen verwitwete Frau einen neuen Lebenspartner kennengelernt und wollte den Kontakt zu ihrer jahrzehntealten Affäre offenbar beenden. Doch der weißhaarige Liebhaber stellte ihr immer wieder nach. Einmal kam es in der Wohnung der Frau zu einer Rangelei. Die Frau stürzte zu Boden und war kurz benommen. Da öffnete der Senior ihre Hose und zog sie nach unten. Das bestritt er nicht, sagte aber: „Das war nichts Sexuelles. Ich wollte ihr nur helfen.“ Erst danach habe er dann das Gefühl gehabt, dass seine einstige Geliebte vielleicht doch Interesse an einer erotischen Begegnung haben könnte. Zum Geschlechtsverkehr kam es in dieser Situation jedoch nicht.

Das soll wenige Tage später anders gewesen sein. Da drang der Angeklagte – auf dem Heimweg von einem Abend im Schützenverein – ins Haus der Frau ein – mit einem Schlüssel, den er kurz zuvor unbemerkt hatte mitgehen lassen. Da war es 1.30 Uhr in der Nacht. Auch das bestritt der Angeklagte nicht. Auch nicht, dass er die schlafende Frau im Bett überraschte. „Aber wir hatten keinen echten Sex, mehr so Petting“, beteuerte er. Außerdem habe er bloß den Schlüssel zurückbringen wollen, den er eingesteckt habe, um zu demonstrieren, wie leichtsinnig es ist, ihn einfach auf der Innenseite der Tür im Schloss stecken zu lassen.

Diesen Erklärungen folgte das Gericht nicht. Die Aussage des Opfers, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden, seien hingegen glaubwürdig gewesen, so Krauel in seiner Urteilsbegründung. Zusätzliche Sicherheit gaben die Aussagen der Tochter des Opfers und ihres Lebensgefährten. Die beiden waren mit im Raum, als der Angeklagte ein paar Wochen nach der Tat praktisch ein Geständnis ablegte. Er soll gesagt haben: „Ja und? Es gab Zeiten, da hast du es auch gewollt!“ Auf die Frage des Gerichts, ob ein solches Gespräch stattgefunden habe, antwortete der 75-Jährige ausweichend.

Staatsanwaltschaft und Gericht deuteten an, dass der Angeklagte mit einer Bewährungsstrafe hätte davonkommen können, wenn er sich geständig und reuig gezeigt hätte. Doch das tat er nicht – obwohl selbst Verteidiger Jan Lopacinski durchblicken ließ, dass es ihm schwer fiel, seinem Mandanten in allen Punkten zu glauben.

Mildernde Umstände seien da schwierig zu erkennen, meinte die Staatsanwältin. Auch gebe es keinen Grund, den Angeklagten allein wegen seines Alters anders zu behandeln als einen 25- oder 30-Jährigen.

Der Rentner muss nun nicht sofort ins Gefängnis. Das Urteil des Amtsgerichts ist noch nicht rechtskräftig. Er kann nun Rechtsmittel einlegen. Dann würde sich das Flensburger Landgericht erneut mit dem Fall beschäftigen.

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