zur Navigation springen

Veterinäre im Kreis : Verbraucherschützer am Limit

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Das Kreisveterinäramt sieht sich mit immer neuen Aufgaben und Vorschriften konfrontiert. Vor allem der zunehmende Export von Fleisch und Milchprodukten sorgt für viel Arbeit.

von
erstellt am 15.Jan.2014 | 07:14 Uhr

Die Meldung aus dem Verbraucherschutz-Ministerium klang vielversprechend. Sechs frisch ausgebildete Fachkräfte sollen die Lebensmittelüberwachung der Kreise verstärken, hieß es vor gut einer Woche. Bei Dr. Volker Jaritz zauberte die Ankündigung nur ein müdes Lächeln auf die Lippen. Zusätzliches Personal, das hätte auch er gern. Doch tatsächlich scheidet im Veterinäramt des Kreises, das er leitet, nur ein Mitarbeiter aus, der durch einen der Absolventen ersetzt wird. Dieser wird gleich ordentlich zu tun bekommen, denn über fehlende Arbeit kann sich die kleine Behörde nicht beklagen. Immer neue EU-Anforderungen aus Brüssel, die Steigerung der Exporttätigkeit hiesiger Unternehmen sowie eine erhöhte Sensibilisierung der Verbraucher sorgen für volle Terminkalender.

Wo viele Tiere gehalten, Lebensmittel produziert und diese möglicherweise auch noch exportiert werden, sind Fachleute für Veterinärmedizin und Verbraucherschutz gefordert. Alles das trifft im Kreis Schleswig-Flensburg zu: 2800 überwachungspflichtige Lebensmittelbetriebe gibt es im Kreisgebiet, davon mehrere, die ihre Erzeugnisse weltweit exportieren, 17 Schlachtbetriebe, die pro Jahr mehr als 110 000 Vierbeiner und noch einmal so viele Hühner, Enten und Gänse schlachten, und eine von zwei zu kontrollierenden Tierkörper-Beseitigungsanlagen im Land. Reichlich Arbeit für eine Behörde mit 4,6 Amtstierarzt- und 3,5 Veterinärstellen. Und dies sind noch nicht alle Tätigkeitsfelder.

Einem steten Wandel unterzogen ist derzeit die Lebensmittelüberwachung, die vom Grünen Zentrum in Schleswig aus koordiniert und mit rechnerisch 3,5 Kontrolleuren (0,5 aus Flensburg) erledigt wird. So schlägt auch im Kreis das eisige Klima durch, das derzeit zwischen der EU und Russland bezüglich der Exportregeln für Fleisch und Milchprodukte herrscht.

Wenn die Lebensmittelkontrolleure beispielsweise im DMK-Werk in Nordhackstedt (Käse, Molkekonzentrate, Mozzarella) Transporte für den Export nach Russland kontrollieren, dann tun sie das nicht nur nach den Spielregeln der EU, sondern seit dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation WTO 2012 zusätzlich nach russischen Richtlinien. Gut 100 Seiten umfasste der Leitfaden dafür in kyrillischer Schrift, der erst einmal übersetzt werden musste. „Untersuchungen noch und nöcher“, sagt Jaritz. „Das ist Politik und bedeutet für uns mordsmäßig Papierkram.“

Die Mitarbeiter des Veterinäramtes stellten 2013 insgesamt 12 037 Versandzertifikate aus – vor allem in Nordhackstedt, Handewitt (Vega Salmon) und Bollingstedt (Wohlert Kühllogistik). Die Exportkontrollen machen dennoch nur einen Bruchteil der Aufgaben in diesem Bereich aus. 2071 Mal wurden die Behördenvertreter im Jahr 2013 überdies nicht nur bei Lebensmittelproduzenten, sondern auch in Imbissen, Gaststätten und im Einzelhandel vorstellig – unangekündigt und auf der Suche nach Hygienemängeln, baulichen Verstößen oder Täuschungen bei der Warenauszeichnung. Im Rahmen des Verbraucherschutzes wurden im vergangenen Jahr zudem 615 Produktproben in Supermärkten, Textilgeschäften (Farbstoffe in Kleidung) und Parfümerien (Kosmetikartikel) genommen, die dann im Landeslabor untersucht werden. „Dreiviertel unserer Kontrollen endeten ohne Beanstandung“, sagt Kontrolleur Nico Franzen.

Wo das nicht der Fall war, gab es eine gebührenpflichtige Nachkontrolle – ein gutes Disziplinierungs-Instrument, sagt Jaritz. Deshalb hält er auch wenig vom Vorstoß von Verbraucherschutz-Minister Robert Habeck, Kontrollen grundsätzlich kostenpflichtig zu machen. „Die Betriebe zahlen Gewerbesteuern, wenn sie sich an die Spielregeln halten, sollten sie nicht zur Kasse gebeten werden“, sagt er.

Als „elementar“ vor allem für Rinder- und Schweinehalter bezeichnet Jaritz die Aufgaben seiner Behörde im Schutz vor Tierseuchen. Die afrikanische Schweinepest im Baltikum, die Maul- und Klauenseuche auf dem südlichen Balkan – die Gefahr einer Einschleppung durch Export-Lkw oder Touristen sei nicht zu unterschätzen. „Wir müssen daher vorsorgen, damit wir auf Krisen vorbereitet sind.“ Dies geschieht vor allem auch durch Beratung. Doch das sei mit dem vorhandenen Personal kaum zu bewältigen, so Jaritz.

Schließlich gibt es mit der Beaufsichtigung der Tierkörper-Beseitigung in Jagel ein weiteres Tätigkeitsfeld, und dann muss sich das Veterinäramt auch zunehmend um den Tierschutz kümmern. „Anonyme Anzeigen, dass Tiere angeblich misshandelt werden, bekommen wir täglich“, sagt Jaritz. Und wenn sich der Verdacht am Telefon erhärten lässt, schreitet die Behörde im Verbund mit den örtlichen Ordnungshütern ein. Ab 1. August sollen die Kreisveterinäre auch noch für die Erteilung von Erlaubnissen für Hundevermittlungsagenturen zuständig sein. Davon gibt es zurzeit eine Handvoll im Kreis. „Wie wir das dann auch noch machen werden, ist bisher unklar.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen