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Schleswiger Nachrichten

15. Dezember 2017 | 04:06 Uhr

Poetry-Slam : Verbal-Attacken mit Tiefgang

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Zehn Nachwuchsdichter lieferten sich in der Stadtbücherei vor ausverkauftem Haus einen Wettstreit auf höchstem Niveau.

shz.de von
erstellt am 30.Mär.2015 | 12:19 Uhr

Das Regal mit den Werken Goethes und Brechts im Rücken, vor sich über 100 wohlwollende, aber durchaus kritische Zuhörer. So erging es zehn Dichtern zwischen 15 und 20 Jahren, die sich beim ersten U20-Poetry-Slam in der Stadtbücherei einen Wettstreit lieferten. Nach der Begrüßung durch Bücherei-Leiterin Ursula Nielsen, die sich über viele junge Gesichter im Publikum freute, erklärte Organisatorin Jacqueline Lindemeyer, die in der Bücherei ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, die Regeln des „Live-Dichter-Wettstreits“. Die Teilnehmer müssten selbst geschriebene Texte vortragen, so Lindemeyer: „Ansonsten ist alles erlaubt.“ Das galt nicht für das Publikum, da hieß es strikt: „Respect the poet – niemand wird ausgebuht.“

Im Anschluss wurden Jurykarten mit den Noten eins (lahm) bis zehn (genial) an sieben Zuhörer verteilt. Bei der Wertung fielen jeweils die oberste und unterste Note raus. Nachdem sich das Publikum testweise bis zur Note neun hochgeklatscht hatten, folgte mit Thorben Dittmar der erste Slammer – außer Konkurrenz. Vielmehr lockerte der Flensburger mit einer kurzweiligen Geschichte vom Waffeleisen im Uni-Hörsaal die Stimmung auf und ebnete den zehn Kandidaten den Weg.

Den Anfang machte als Neuling die 16-jährige Jacqueline Schmidt mit einem melancholisch-träumerischen Text, der ihr 29 von 50 Punkten einbrachte. Erstmals dabei war auch der ein Jahr jüngere Felix Castello, dessen Kurzgeschichte „Das Buch der unbeantworteten Fragen“, in dem ein vom Vater verlassener Sohn nach Antworten sucht, manchem eine Gänsehaut über den Körper jagte. Von der Jury gab es dafür 37 Punkte. Unter den Teilnehmern waren allerdings auch wesentlich erfahrenere Poeten. Einer von ihnen war Sven Mertens, der nicht erst einen Zettel aus der Hosentasche hervorkramen musste, sondern sich einfach ans Mikrofon stellte und fast schon seine Kassette abspielte – auf den Punkt betont, ohne zu leiern. Mit „Der Lobbyist“ prügelte er verbal auf die wirtschaftliche und politische Elite des Landes oder gleich auf die ganze Gesellschaft ein – die Lügner, Betrüger, Waffenexporteure und Möchtegern-Fairtradehändler: „Wird Unrecht zu Recht, wird Widerstand Pflicht. Das wusste schon Brecht, nur wir wissen es nicht.“ Dafür gab es die ersten zehn Punkte des Abends und den Einzug ins Finale.

Dort traf er unter anderem auf Laura Funke (16), deren bitterböse „Anti-Hommage“ an Schleswig in der Vorrunde für einen Höhepunkt gesorgt hatte. „Stellen Sie sich ein wunderschönes Kind mit einem fiesen roten Pickel vor – der ist Schleswig.“ Das Theater sei schon immer ein Haufen Dreck gewesen, „aber jetzt sieht man’s“. Sie schien vielen Menschen aus dem Herzen zu sprechen, denn sie erhielt Begeisterungsstürme und 47 Punkte. Das wurde nur noch im Finale getoppt – von Sven Mertens. In „Brot und Spiele“ hagelte es Vorwürfe an eine „vor dem Fernseher gefesselte Nation“, dabei schloss er: „Eigentlich habe ich mehr erwartet. Eigentlich sind wir mehr als eine Generation, die sich von Smartphones veräppeln lässt. Eigentlich.“ Mit 49 Punkten wurde er erster Sieger. Doch gewonnen haben alle Poeten: Sie blickten über ihren eigenen Tellerrand und hatten den Mut, das, was sie dabei sahen und fühlten, mit fremden Menschen zu teilen.

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