2000 Jahre alte Artefakte : Urnengräber im Mohrkircher Weizen: Fundort war kein Unbekannter

Eines von vielen Fundstücken: Stefanie Klooß mit einer der verzierten Urnen. Fotos: org
Eines von vielen Fundstücken: Stefanie Klooß mit einer der verzierten Urnen. Fotos: org

Bei Bauarbeiten für ein Stromkabel stoßen Archäologen auf Artefakte, die doppelt so alt sind wie Wikingerfunde.

shz.de von
07. Juni 2018, 07:20 Uhr

Mohrkirch | Das Archäologische Landesamt in Schleswig muss zusätzliches Personal einstellen, um die ganzen Funde ausgraben und retten zu können, die zurzeit auf einer Baustelle in Mohrkirch gefunden werden. 40 alte Ton-Urnen haben sie bereits entdeckt, dazu viele Grabbeigaben – Knochen, Fibeln aus Silber und Bronze zur Verzierung der Kleidung, eine Knochennadel, einen Glättstein und viele andere Dinge des täglichen Lebens. „Wir wussten schon, dass es hier in der Gegend Grabstellen gibt, das Ausmaß aber hat uns doch sehr überrascht“, sagt die Projektleiterin Stefanie Klooß vom Archäologischen Landesamt.

Der Glättstein ist eine sehr frühe Art des Bügeleisens.
Der Glättstein ist eine sehr frühe Art des Bügeleisens.

Für sie und ihre Mitarbeiter ist es ein Glücksfall, dass die SH Netz zurzeit ein elf Kilometer langes 110 000-Volt-Hochspannungskabel zwischen Süderbrarup und Schuby verlegt, das die alte Freileitung aus den 1950er Jahren ersetzen soll. „Einen solchen Einblick in den Boden bekommen wir selten“, schwärmt Stefanie Klooß, „elf Kilometer lang und acht Meter breit quer durch Angeln – das ist für uns sehr spannend.“

Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit der Archäologen mit der SH Netz und dem beauftragten Unternehmen reibungslos funktioniert, wie alle Beteiligten betonen. Das Unternehmen nimmt den Archäologen nämlich fast die gesamte Arbeit ab – ein Präzisions-Bagger schabt die obere Mutterboden-Schicht unter den Augen der Forscher behutsam ab. Und immer wenn sich ein Fund andeutet, wird die Arbeit gestoppt und woanders fortgesetzt. „Es ist Unsinn zu behaupten, dass unsere Arbeit durch die Funde zum Stillstand kommt“, sagt Projektleiter Karsten Reimer von SH-Netz, „sie wird nur verlangsamt. Aber das gehört eben zu solch einer Baustelle auch dazu.“

Fund kommt Bauherren teuer zu stehen

Dass auch er selbst ein wenig Feuer gefangen hat, zeigt sich, wenn er von dem ersten Fund erzählt. „Wir hatten eine Baubesprechung mit Sicherheitsunterweisung, die Archäologen sind ein paar Schritte gegangen und haben sofort eine Brenngrube für Keramik gefunden. Für uns sah das aus wie ein altes Wasserloch.“ Reimers Begeisterung bekommt allerdings einen kleinen Dämpfer, wenn er auf die Kosten zu sprechen kommt, denn dafür muss sein Unternehmen aufkommen. „Das kostet uns rund 100.000 Euro“, berichtet er, „alleine die Kameras, mit denen die Fundstücke aufgenommen werden, schlagen mit 900 Euro zu Buche.“

Die wichtigste Aufgabe der Archäologen ist es, die Fundstücke zu entdecken und zu bergen. Eine schwierige Aufgabe, denn die Urnen stecken in dem steinharten Lehmboden fest. Sie werden vorsichtig gewässert und aus dem Untergrund befreit. Aufgearbeitet wird alles in der Zentralwerkstatt der Landesmuseen, ehe die Stücke gelagert werden.

Die Spinnwirtel spielte eine Rolle beim Weben.
Die Spinnwirtel spielte eine Rolle beim Weben.

Über die Menschen in den Gräbern wissen die Wissenschaftler wenig. „Wir gehen allerdings ganz sicher davon aus, dass hier die Asche von Menschen aus der ländlichen Umgebung begraben wurde“, erklärt Stefanie Klooß. Fest steht auch, dass die Urnen aus der Zeit zwischen dem ersten und dem dritten Jahrhundert nach Christi Geburt stammen, aus der so genannten Römischen Kaiserzeit. Nun gehörte Angeln nie zum Römischen Reich, dennoch gab es eine Verbindung. „Es gab Angeliter, die im römischen Heer als Legionäre gedient haben – und nach dem Dienst mit dem Wissen aus der großen weiten Welt in die Heimat zurückgekehrten. “ Das lasse sich auch aus den Grabbeigaben ablesen.

Aufgrund der Vielzahl der Urnen schließt Stefanie Klooß nicht aus, im Laufe der weiteren Arbeiten auch noch auf Siedlungsreste zu stoßen. „Noch aber haben wir nichts gefunden.“ Interessierter Besucher auf der Baustelle in dem riesigen Weizenfeld in Mohrkirch war auch der Landeigentümer Johannes Callsen. „Mein Opa hat hier früher schon Scherben gefunden – aber damals hat sich niemand um so was gekümmert“, berichtet der Landtagsabgeordnete. Nun freut er sich auf den Bericht der Archäologen: „Da kann ich dann nachlesen, was vor 2000 Jahren auf meinem Land los war.“

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