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Volkstrauertag in Schleswig : Unter dem Eindruck von Paris

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der syrische Flüchtling Mahmoud Abbas hielt die Gedenkrede zum Volkstrauertag vor dem Schleswiger Stadtehrenmal.

von
erstellt am 16.Nov.2015 | 12:52 Uhr

Die Gedenkfeiern zum Volkstrauertag waren anders als sonst. Im Angesicht der Terroranschläge in Paris und der Flüchtlingsdramatik bekamen sie eine spürbar größere Dimension als in den Jahren zuvor. Ein Empfinden, das wohl die meisten der Anwesenden begleitete, die gestern zum Stadtehrenmal sowie zur zentralen Gedenkfeier des Kreises in Fahrdorf auf dem Karberg gekommen waren. Dabei waren Programmfolge und Ablauf wie immer – mit Bläserklängen, Kranzniederlegung, Totenehrungen, Schleswig-Holstein-Lied. Und doch riefen diesmal die Worte der Redner, darunter auch Schüler, eine tiefere Nachdenklichkeit bei den Menschen hervor. So, als würde sie jeder für sich einmal mehr durch den Kopf gehen lassen. Dazu trug in der Gedenkfeier am Stadtehrenmal sicherlich bei, dass erstmals einer aus der Reihe der Asylanten als öffentlicher Redner auftrat: Mahmoud Abbas aus Syrien, 30 Jahre alt, seit zehn Monaten in Schleswig und ausgebildeter Arzt, hielt im Wechsel mit Bürgermeister Arthur Christiansen die Rede für die Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft. Früher waren die Gedanken an Volkstrauertagen eher bei Opfern und Vertriebenen aus beiden Weltkriegen. Jetzt sagte Mahmoud Abbas, der fließend Deutsch gelernt hat: „Ich wünsche mir, dass ein besonderer Gedenktag wie dieser auch in Syrien möglich sein wird, wenn der Krieg zu Ende ist. An dem Tag würde man sich an die vielen umgebrachten Menschen erinnern.“ Die Verbindung zu Syrien und zu den deutschen Flüchtlingen nach Kriegsende ließ Bürgermeister Christiansen wie einen roten Faden durch seine Rede ziehen. Von ihm war die Idee ausgegangen, seine Rolle als Redner zum Volkstrauertag zu teilen mit jemandem, der Krieg und Flucht gerade am eigenen Leib erfahren hat. Abbas: „Ich habe Schlimmes in Syrien erlebt, habe als Arzt verletzte und verstümmelte Menschen behandelt. Wir wissen, dass Gewalt und Krieg nur Verlust bringen. Konflikte dürfen nur durch Gespräche gelöst werden.“

Dass man aus Bequemlichkeit die Augen vor Krieg und Flucht in anderen Ländern verschließe – „diese Zeit ist vorbei“, meinte Christiansen. „Wir dürfen seit über 70 Jahren in Frieden leben. Viele von uns haben die Erfahrung von Krieg und Flucht selbst nicht miterlebt, doch in vielen Familien lebt die Erinnerung daran weiter.“ Es gehe ihm darum, sagte Christiansen, dass „wir dankbar sein können für unsere Möglichkeiten, helfen zu können und nicht mehr diejenigen sind, die Hilfe brauchen“. Er verstehe Bedenken und Ängste der Kritiker an der Flüchtlingspolitik, doch sei zu fragen: „Haben wir denn eine andere Wahl, als Menschen in Not zu helfen?“ Denn auch die Flüchtlinge kämen mit einem „riesigen Bündel an Ängsten, aber ebenso Erwartungen“ in dieses Land.

Mahmoud Abbas sprach über die Hoffnungen seiner Landsleute: „Wir wünschen uns, hier schnell anzukommen, Deutsch lernen zu können, Arbeit zu finden, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden, uns engagieren zu dürfen. Bitte begleitet uns und reicht uns eure Hände!“

Auf dem Karberg stellte Landrat Wolfgang Buschmann vor 200 Besuchern die Terroranschläge in Paris in den Vordergrund. „Unsere Gedanken sind beim französischen Volk, und unser Mitgefühl gilt den Opfern und deren Angehörigen“, sagte er.

Welche Gedanken zu Krieg, zu Flüchtlingen und zum Fremdenhass Jugendliche bewegt, machten auf dem Karberg Dannewerk-Schüler deutlich. Am Stadtehrenmal waren es Bruno-Lorenzen-Schüler, die eindrucksvoll Stellung nahmen. So sagte Zehntklässler Linus Friese: „Wären wir die Flüchtlinge, würden wir uns auch wünschen, woanders Hilfe zu bekommen“. Und Lena Marie Merz sagte: „Ich habe davon gehört, dass ein kleiner Junge gefragt wurde, ob denn in seinem Kindergarten auch Ausländer seien. Darauf hat der Junge nur gesagt: ,Nein, nur Kinder.‘ Und so betrachtet müssten alle Erwachsenen handeln.“

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