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Schleswiger Nachrichten

19. August 2017 | 12:05 Uhr

Tarp : Unfall am Bahnübergang: Anlage defekt?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Zeugen berichten von technischen Problemen an den provisorischen Schranken vier Stunden vor dem schweren Zugunglück.

Nach zwei schweren Unfällen an Bahnübergängen in Tarp (Kreis Schleswig-Flensburg) und Hemmingstedt (Kreis Dithmarschen) ermittelt die Polizei unter Hochdruck. In Hemmingstedt war am Sonntag ein Zug mit einem Fahrzeug kollidiert, in dem drei Menschen saßen – sie kamen mit dem Schrecken davon. Die Schranke soll dort nach ersten Ermittlungen nicht geschlossen gewesen sein. Nicht so glimpflich verlief der Unfall in Tarp am Bahnübergang. Dort hatte ein Güterzug aus Flensburg bereits am Sonnabend gegen 18 Uhr zwei Fahrzeuge erfasst, zwei Menschen wurden schwer verletzt (wir berichteten). War es menschliches Versagen? Ein technischer Defekt?

Man bearbeite die Aussagen mehrerer Zeugen, der Zugführer und die beiden Autofahrer seien jedoch noch nicht vernehmungsfähig, sagte Hanspeter Schwartz, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Flensburg. Mit Ergebnissen werde nicht vor kommender Woche gerechnet. Laut ersten Erkenntnissen sei direkt vor dem Unglück ein Regionalexpress in Richtung Flensburg durchgefahren, da hätten die Schranken noch funktioniert. Aufgrund der Geschehnisse lässt sich darauf schließen, dass die Schranken danach zu früh geöffnet haben.

Unterdessen hat sich ein Zeuge bei unserer Zeitung gemeldet, der am Unglückstag bereits gegen 14 Uhr aufgrund einer Zugdurchfahrt vor dem Übergang in Tarp halten musste. Danach sei das Signal auf Rot geblieben, nur eine der beiden Schranken habe sich geöffnet. Der völlig überfordert wirkende Schrankenwärter habe einige Minuten ebenso hektisch wie vergeblich mit Werkzeug in der Hand an der Anlage gearbeitet, während die Autoschlange immer länger geworden sei, so der Zeuge. Auf Ansprache durch den Zeugen habe der Mann geantwortet, die Anlage sei im Störbetrieb und er versuche diesen auszuschalten. Schließlich seien die Autos von dem Bediensteten trotz weiter blinkender Warnsignale und einer geschlossenen Schranke durchgewinkt worden. Letzteres Vorgehen wird von einem zweiten Zeugen bestätigt.

Bei der Schrankenanlage am Tarper Übergang handelt es sich nach Auskunft der Bahn um eine nicht automatische Behelfsanlage. „Zur Inbetriebnahme eines elektronischen Stellwerks in Jübek müssen in Tarp Signale versetzt werden“, sagte Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst zur Begründung. Die Bedienung dieser Anlage übernimmt eine von der Bahn beauftragte Berliner Firma. Dies sei in solchen Fällen durchaus üblich, so Brunkhorst. Der zuständige Einsatzleiter des Unternehmens wollte sich zu dem Unglück nicht äußern. Er bestätigte aber, zwei Mitarbeiter würden einzeln in zwei Schichten am Bahnübergang Dienst leisten. Die beiden am Unglücksort tätigen Kräfte seien „schon länger im Einsatz“ für das Unternehmen gewesen. Ihre Qualifikation erwerben sie demnach in einer zweiwöchigen Schulung.

„Wir müssen uns darauf verlassen, dass die von uns beauftragten Unternehmen zuverlässig sind“, sagt Sabine Brunkhorst. Der Deutsche Bahnkunden-Verband forderte gestern verstärkte Polizei- und Radarkontrollen an Bahnübergängen.

Der Bahnübergang Wanderuper Straße ist seit Jahren im Ort ein Thema. Vor 40 Jahren lag der Tarper Ortsschwerpunkt östlich der Bahnschienen. Dann wurden die Neubaugebiete Westerfeld (etwa 1996), Kätnerfeld (2001) und jetzt Schellenpark, die ehemalige Kaserne (seit 2012), westlich der Schienen erschlossen und bebaut. Geschäfte wie Lidl, Famila, Kik, der Lindenmarkt und das Industriegebiet liegen auf dieser Seite der Bahnschienen. Dies bedeutet, dass der Verkehr über die Schienen gewaltig zugenommen hat. Das gilt auch für den Schienenverkehr. „In einer Schicht passieren locker 50 Züge diese Stelle“, sagte ein Mitarbeiter der Berliner Sicherheitsfirma gestern.

Schon vor Jahren sind Überlegungen angestellt worden, wie der Bahnübergang entschärft werden könnte – bisher ohne Ergebnis.

 

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erstellt am 10.Nov.2015 | 07:10 Uhr

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