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Film mit Hannah Herzsprung : Uelsby: Hier wird ein Angelner Dorf zur DDR

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Schauspielerin Hannah Herzsprung mimt für das ZDF eine RAF-Terroristin auf der Flucht.

Uelsby | Eine junge Frau kommt aus einem Laden in Uelsby, zögert kurz, dreht wieder um – sie zieht eine Pistole aus ihrem Hosenbund und schießt. Auf wen, ist nicht zu erkennen. Dann verschwindet sie, die Waffe in der Hand, in einem vor dem Laden parkenden roten Lada. Ulrich Bachler, letzter Amtsvorsteher des früheren Amtes Böklund und Altbürgermeister von Uelsby, seine Frau Rosemarie, Schwiegertochter Sabine und ihre beiden Kinder Nina und Christian schauen der Szene vom Straßenrand aus zu. Keiner ruft die Polizei. Sie bleiben gelassen. Noch kurioser: Die Feuerwehr – dein Freund und Fluchthelfer, möchte man meinen – ist schon da und sperrt die Uelsbyer Dorfstraße ab. Alle paar Minuten. Immer dann, wenn die junge Frau mit der Pistole und Perücke, Schauspielerin Hannah Herzsprung, aus dem Laden kommt.

Denn Uelsby wurde wieder einmal zur Filmkulisse. Das kleine idyllische Dorf hat durchaus Sexappeal für die Filmbranche – und diese wiederum brachte eine willkommene Abwechslung in den Arbeitstrott der örtlichen Feuerwehr. „Das ist mal etwas anderes. Wir haben ja – zum Glück – nicht so viele Einsätze hier“, sagte Brandschützer Hans-Joachim Thomsen, der mit einigen Kollegen dafür sorgte, dass die Dorfstraße bei den Dreharbeiten frei blieb.

Ein Hauch DDR in Uelsby: Mit diesem roten Lada, der vor dem alten Spar-Markt von Ulrich Bachler parkt, sind die Protagonisten auf der Flucht.
Ein Hauch DDR in Uelsby: Mit diesem roten Lada, der vor dem alten Spar-Markt von Ulrich Bachler parkt, sind die Protagonisten auf der Flucht. Foto: Jäger

Diesmal war ein Produktionsteam im Auftrag des ZDF ins schöne Angeln gekommen. Für den Fernsehfilm „Verräter“ – ein Sendetermin steht noch nicht fest – verwandelte es den früheren Supermarkt des Ortes und die davon nur ein paar Schritte entfernte Tankstelle von Ralf Carstensen in Schauplätze der DDR zur Zeit des Kalten Krieges.

Seit 23 Jahren steht der frühere Spar-Markt von Familie Bachler in der Dorfstraße von Ueslsby schon leer. Nach zahlreichen Umbauten wird der vordere Bereich mit dem großen Schaufenster als Abstellraum genutzt. „Wir lagern darin Gartengeräte, Stühle und Tische“, sagt Ulrich Bachler. Aus gesundheitlichen Gründen mussten er und seine Frau Rosemarie 1993 ihren Spar-Laden und damit die letzte Einkaufsmöglichkeit im Ort schweren Herzens schließen. Der gelernte Einzelhandelskaufmann hatte das Geschäft von seinem Vater Emil übernommen, der bereits 1954, noch an anderer Stelle, den alten Kaufmannsladen des Ortes erworben hatte und mit ihm in den 60er Jahren in das Gebäude der stillgelegten Meierei an der Dorfstraße umgezogen war.

Fast wie damals: Das alte Team des Uelsbyer Spar-Markts – Sabine (von links), Rosemarie und Ulrich Bachler – durften in einer Drehpause die Filmkulisse betreten. Die Kasse ist noch ein Original aus ihrem alten Supermarkt.
Fast wie damals: Das alte Team des Uelsbyer Spar-Markts – Sabine (von links), Rosemarie und Ulrich Bachler – durften in einer Drehpause die Filmkulisse betreten. Die Kasse ist noch ein Original aus ihrem alten Supermarkt. Foto: Jäger

Dort fanden nun die Dreharbeiten statt. Viel Technik wurde dafür vor und in dem kleinen Laden aufgefahren. Draußen ließ die Requisite des Filmteams den gelben Postkasten vor dem Eingang zu der im gleichen Gebäude untergebrachten Wohnung hinter einem Holzverschlag verschwinden, genauso wie die amtliche Bekanntmachungstafel der Gemeinde. Über dem Schaufenster an der Außenfassade des Ladens wurden zwei Schilder angebracht mit dem K für „Konsum“ – der Marke der Genossenschaft in der DDR, die viele Supermärkte betrieben. Und hinter der Theke im Laden hängt ein Porträt von – na klar, Staatschef Erich Honecker. Auch sonst erinnert im Inneren des Ladens bis auf die Originalkasse und ein paar alte Regale kaum etwas an den früheren Uelsbyer Markt.

Auch an der Tankstelle von Ralf Carstensen, dem zweiten Schauplatz der Dreharbeiten an diesem Tag, deutet vieles auf die DDR hin. In einer Garage wartet ein hellblauer Trabi auf seinen Einsatz. Er wurde von Nico Paysen aus Großsolt, Leiter der „IFA-Gemeinschaft Nord“, einer Interessengemeinschaft von Liebhabern von Fahrzeugen aus der ehemaligen DDR in Schleswig- Holstein, zur Verfügung gestellt. Das Auto, das früher einer Hebamme aus Leipzig gehörte, befindet sich im unrestaurierten Originalzustand des Baujahrs 1966 und ist gerade mal 54  000 Kilometer gelaufen. Eine weiße Gardine für das Büro, blaue Aufkleber auf den Zapfsäulen und eine überklebte Preistafel sowie das rote T auf gelbem Grund über der Bürotür – für die Außenaufnahmen an der 1930 erbauten Tankstelle waren nur wenige Veränderungen durch die Requisite vonnöten. Gedreht wurde eine Fluchtszene mit Schauspieler Stephan Kampwirth.

Ein Trabi steht sonst eher selten auf dem Tankhof von Ralf Carstensen. Nico Paysen aus Großsolt, Sammler alter Fahrzeuge aus der DDR, stellte ihn für die Dreharbeiten zur Verfügung.
Ein Trabi steht sonst eher selten auf dem Tankhof von Ralf Carstensen. Nico Paysen aus Großsolt, Sammler alter Fahrzeuge aus der DDR, stellte ihn für die Dreharbeiten zur Verfügung. Foto: Jäger

Für Hauptdarstellerin Hannah Herzsprung, bekannt unter anderem aus den Filmen „Vier Minuten“ und „Das wahre Leben“, war es nicht der erste Besuch in Uelsby. Die mehrfache Preisträgerin hat bereits vor vier Jahren Szenen für den Kinofilm „Der Geschmack von Apfelkernen“ an der Kult-Tankstelle gedreht. In das Poesie-Album von Ralf Carstensens Nichte Luisa hatte sie sich damals aber noch nicht eingetragen. Dies holte sie jetzt zur Freude der Fünftklässlerin in einer Drehpause nach, genauso wie ihre Schauspielkollegen.

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erstellt am 01.Jun.2016 | 12:53 Uhr

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