Wolfgang Prange : Überraschende Fundstücke eines leidenschaftlichen Aktenwühlers

Prof. Wolfgang Prange trat seinen Dienst im Landesarchiv 1959 an - und ist noch heute fast täglich dort anzutreffen. Foto: Jensen
Prof. Wolfgang Prange trat seinen Dienst im Landesarchiv 1959 an - und ist noch heute fast täglich dort anzutreffen. Foto: Jensen

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04. Juni 2011, 03:59 Uhr

Schleswig | In der schleswig-holsteinischen Historikerzunft gilt Professor Wolfgang Prange als Legende, spätestens seitdem er vor gut 20 Jahren die Kieler Kulturbürokratie mit einem so nicht vorgesehenen Wunsch überraschte: Nach zehn Jahren wollte er sein Amt als Leiter des Landesarchivs aufgeben, um im selben Hause endlich wieder als ganz normaler Archivar arbeiten zu können - für weniger Geld, aber befreit von der alltäglichen Verwaltungsarbeit.

Sein Wunsch wurde erfüllt, und Wolfgang Prange hat es nie bereut. Inzwischen ist er 79 Jahre alt und seit 14 Jahren pensioniert. Aber noch immer hat er ein kleines Zimmer im Landesarchiv, und er ist dort fast jeden Tag anzutreffen.

Woran er in den vergangenen Jahren gearbeitet hat, das ist jetzt in Ausschnitten nachzulesen in einem Buch, das am kommenden Donnerstag, 9. Juni, um 19.30 Uhr im Prinzenpalais öffentlich vorgestellt wird. Das Buch macht deutlich, warum Prange sein Leben den Akten und Urkunden gewidmet hat, die Außenstehende oft für staubtrockene Materie halten. In Pranges Kopf verwandeln sich Notizen aus vergangenen Jahrhunderten in bunte Bilder aus dem prallen Leben - schockierende, überraschende und amüsante. Zum Beispiel Gerichtsakten aus dem 16. Jahrhundert. Immer wieder geht es darin um Fälle, die man heute als Unterhaltsstreitigkeiten bezeichnen würde: Ein junger Mann hat ein Mädchen geschwängert und will es nicht heiraten. Das Urteil: Der Mann muss eine Aussteuer zahlen, damit das Mädchen einen anderen heiraten kann und das Kind versorgt ist. Aber was ist, wenn der Mann geltend macht, das Mädchen habe ihn hinterlistig verführt? Damit hatten sich die Gerichte zu beschäftigen. Das Gericht, das war damals die Versammlung aller Bauern in einem Gerichtsbezirk. Sehr viel häufiger als heute hatten sie mit Mord und Totschlag zu tun. "Die Leute waren damals ja furchtbar unbeherrscht", sagt Prange trocken.

Sein Buch heißt "Analecta Holsatica" (Wachholtz Verlag, 350 Seiten, 32 Euro). Der lateinische Name spielt an auf Essensreste, die bei römischen Gastmahlen unter den Tisch fielen und die die Sklaven aufsammelten. Es können wahre Leckerbissen darunter sein. Prange hat über Zufallsfunde geschrieben, die er im Schleswiger Landesarchiv, aber auch in Kopenhagen und anderswo gemacht hat. Vieles davon sieht er als Vorarbeit für andere Forscher. Mit den Gerichtsakten aus dem 16. Jahrhundert zum Beispiel sollte sich einmal ein Jurist genauer auseinandersetzen.

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