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Schleswiger Nachrichten

17. August 2017 | 14:17 Uhr

Böklund : Über die Vermissten beider Kriege

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Autorin Jutta Petersen hat Fakten zu den Gefallenen aus der Region in einem Buch veröffentlicht

Jutta Petersen aus Böklund hat ein Buch zusammengestellt, das eigentlich gar nicht mehr in die Zeit passt, ihr aber dennoch fast aus den Fingern gerissen wird. Es heißt: „ … sie sind im Krieg geblieben“ und befasst sich mit den Gefallenen beider Weltkriege, die auf dem Ehrenmal des Böklunder Friedhofs namentlich aufgeführt sind. „Ich wollte wissen, wer steht hinter den Namen“, erklärt Petersen ihre Motivation für das Buch. Und sie wollte zeigen, dass die Kriege auch im Kirchspiel Fahrenstedt, das die Dörfer Böklund, Stolk und Süderfahrenstedt umfasste, aktuell und real waren.


Auf heroisierende Fakten verzichtete die Autorin


In akribischer Kleinarbeit sammelte Petersen in anderthalb Jahren Fakten zu den Gefallenen, die mindestens den Namen, Zivilberuf und Sterbe- oder Vermisstendatum umfassen. Soweit vorhanden werden diese Fakten mit Bildern der Gefallenen, Wohnhäusern in ehemaliger und heutiger Form, Briefen, Postkarten oder Auszügen aus Poesiealben ergänzt. Auf heroisierende Fakten hat die Autorin bewusst verzichtet.

Viele Menschen suchten immer noch nach ihren Angehörigen, sagt Petersen. Ein besonders herausragender Fall war der Sohn eines Vermissten aus Stolk. Er wurde 1945 geboren – einen Monat nach der Vermisstenmeldung des Vaters. Seine Mutter starb, als er 20 war. Da sein Vater in Ungarn vermisst wurde, verbrachte er seinen Jahresurlaub immer in diesem Land und suchte nach dessen Grab. Als er Rentner wurde, verkaufte er seinen deutschen Besitz und zog ganz nach Ungarn – immer noch auf der Suche. Petersen fand die Grabstelle über das Internet und teilte ihm das mit. Der Mann war überglücklich. „Ich bin 50 Jahre zum Grab meiner Mutter gegangen. Jetzt gehe ich noch einmal zum Grab meines Vaters und kehre dann mit innerem Frieden nach Hause, nach Deutschland zurück“, war seine Reaktion. „Dieses Erlebnis hatte ich gleich zu Beginn meiner Arbeit“, erinnert sich Petersen, die anfangs gar nicht vorhatte, ein ganzes Buch zu schreiben. „Und danach konnte ich nicht mehr aufhören.“


Wenn Leser ihre Angehörigen im Buch finden, werden sie still


Sie lernte viel über Menschen, die ihre Angehörigen suchen, über Flucht und Vertreibung und über die schlimmen Seiten des Krieges. Und sie entdeckte die „sprachlose Generation“, zu der sie auch ihren Vater rechnet. Als sie diesen darauf ansprach, warum er nur heitere Geschichten aus seiner Wehrmachtszeit erzähle, obwohl es eine Verpflichtung wäre, der jungen Generation gerade die Gräuel des Krieges aufzuzeigen, sagte er: „Das kann ich nicht – das müssen andere für mich tun.“ Von dieser Art Menschen fanden sich viele – vor allem Mütter, die bei der Frage der Kinder nach dem Vater nur in Tränen ausbrachen. Dabei ließen sie Kinder zurück, die keine Fragen mehr stellten aber ein schlechtes Gewissen hatten.

Manchmal war die Autorin auch von dem, was sie erfuhr, persönlich überwältigt. „Dann musste ich den Computer ausschalten und Fenster putzen oder ein Gartenbeet umgraben, um mich abzureagieren“, sagt sie. Dennoch habe sie manche Nacht schlecht geschlafen. Eine ähnliche Wirkung beobachtet sie auch bei denen, die das Buch kaufen. „Sie schlagen es auf, sitzen auf der Veranda und blättern. Doch auf einmal wird es still: Dann haben sie ihre Angehörigen gefunden.“ In dieser Phase seien sie sehr verletzlich und wollten reden. Deshalb gibt es das Buch bisher nur bei der Autorin selbst zu kaufen. Montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr kann das 235 Seiten starke Buch mit vielen Farbbildern in Böklund, Bergstraße 9, gekauft werden. Preis: 35 Euro. Weitere Abholtermine können unter 0 46 23/ 12 09 vereinbart werden.

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