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Schleswiger Nachrichten

22. Oktober 2017 | 19:40 Uhr

Über die Kindheit in der Psychiatrie

vom

60 Jahre alter ehemaliger Patient kehrt nächste Woche in die Hesterberger Einrichtung zurück - für eine Dokumentation des WDR-Fernsehens

shz.de von
erstellt am 16.Aug.2013 | 03:09 Uhr

Schleswig | Sie waren mutterseelenallein. Geschah ihnen ein Unrecht, hatten sie meist keine Anwälte oder Fürsprecher - die Heimkinder, die in der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre hinein in psychiatrischen Anstalten lebten. In vielen Fällen waren die Eltern verstorben oder befanden sich in sozial schwierigen Verhältnissen, so dass diese Kinder zunächst in ein Kinderheim kamen. Dann, wenn Verhaltensprobleme oder andere Auffälligkeiten bei ihnen auftauchten, folgte oft die nächste Station, die deren weiteres Leben prägen sollte: die Einweisung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. So wie bei Wolfgang Petersen, Jahrgang 1952.

Als Kleinkind lebte er mit Mutter und Geschwistern im damaligen Minerva-Lager in Schleswig, bis das Jugendamt ihn und seine Geschwister ins Kinderheim einwies. Später, 1961, tat sich dann für den neunjährigen Wolfgang Petersen ein neuer Lebensabschnitt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg auf. "Es war die Hölle", sagt er heute über diese Zeit. Der über 60-Jährige lebt in Dortmund und hat sein Schicksal in einer bereits gesendeten Dokumentation des WDR-Fernsehens geschildert. In einem weiteren Beitrag will der WDR gemeinsam mit Petersen und anderen Betroffenen das Thema über die Zustände in Deutschlands Kinderpsychiatrien der 60er und 70er Jahre vertiefen. Das TV-Team wird dazu am kommenden Dienstag das Psychiatrie-Gelände auf dem Hesterberg aufsuchen, um dort an den Original-Schauplätzen von damals zu filmen. Es gibt laut WDR etliche ehemalige Patienten aus ganz Deutschland, die von schlimmen Zuständen in früheren Psychiatrieeinrichtungen berichten. An die Politik richtet sich deren Appell, Entschädigungen für erlittene Qualen zu zahlen.

Die Schleswiger Schauplätze aus Wolfgang Petersens Kindheit, das sind Haus G, Haus H2 oder Haus F. Seit vielen Jahren stehen diese alten Backsteingebäude auf dem Hesterberg-Areal leer, sind verriegelt und warten auf ihren Abriss. Aber noch stehen die Häuser da und üben - das darf man vermuten - auf Betroffene auch nach 50 Jahren ihren Schrecken aus. Wolfgang Petersen sagt in dem WDR-Beitrag, er sei in diesen Häusern als Kind geschlagen, ans Bett gefesselt und mit Medikamenten ruhig gestellt worden. Ihm sei später attestiert worden, "nicht krank, sondern nur aus sozial schwierigen Verhältnissen gekommen zu sein". Jetzt kämpft er mit einer Petition an den Deutschen Bundestag darum, dass neben Entschädigungen auch eine Aufarbeitung der Geschichte der frühen Kinderpsychiatrie eingeleitet wird.

Der WDR und auch Wolfgang Petersen suchen für die geplante TV-Dokumentation Schleswiger Zeitzeugen aus den 60er und 70er Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Adresse lautet: WDR-Fernsehen "Kinderpsychiatrie", Telefon 02 11 / 8 90 01 31.

Gefesselt, geschlagen, sogar misshandelt - können diese Vorwürfe auf das Schleswiger Landeskrankenhaus der Nachkriegszeit zutreffen? Dr. Martin Jung, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Hesterberg, sagt gegenüber den SN: "Wir wissen es nicht, haben aber doch einen anderen Eindruck von dieser Zeit gewonnen."

Im Gegensatz zur NS-Zeit gebe es aus den 50er und 60er Jahren keinerlei Akten oder Dokumente. Krankenakten werden stets nach 30 Jahren vernichtet, und so sei man auf Berichte und Erzählungen ehemaliger Mitarbeiter angewiesen, die längst im Ruhestand sind. "Und die erzählen, dass man die nicht geistig behinderten Kinder und Jugendlichen in die tägliche Arbeit mit einbezogen hat. Denn das Landeskrankenhaus sorgte für sich selbst aus eigener Landwirtschaft und eigener Gärtnerei", berichtet Pflegedienstleiter Michael Lang. Aus persönlichem Interesse hatten Lange, Chefarzt Jung sowie Pressereferentin Inke Asmussen schon vor einigen Jahren versucht, soviel wie möglich über das Leben der Patienten und Betreuer in der Nachkriegszeit zu erfahren. "Leider nur mit mäßigem Erfolg", meint Jung. Aber Bilder in alten Fotoalben belegen, dass das Zusammenleben mit den Kindern und Jugendlichen "durchaus auch liebevoll war".

Chefarzt Jung: "Natürlich war es ein unhaltbarer Zustand, Nicht-Kranke in die Psychiatrie einzuweisen. Doch die Schleswiger Krankenhaus-Mitarbeiter haben wohl damals versucht, aus der schwierigen finanziellen und räumlichen Lage das Beste zu machen." Jedenfalls lassen die alten Aufnahmen diesen Schluss zu.

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