Ausbildung zum Tierpfleger : Traumjob im Tierheim: Mehr als Kuscheln und Spielen

Tierpflegerin Keshia Böttcher kümmert sich auch um die Hundewelpen.
Tierpflegerin Keshia Böttcher kümmert sich auch um die Hundewelpen.

Keshia Böttcher möchte nichts anderes mehr machen – auch wenn man „üble Sachen“ erleben muss.

shz.de von
07. August 2018, 07:00 Uhr

„Lulu“ ist gerade mal zwei Wochen alt und muss schon einiges erlebt haben: Eines Morgens lag das kleine Katzenmädchen in einem Pappkarton auf dem Parkplatz am Tierheim. Kläglich maunzend, mit verklebten Augen und einer Blasenentzündung. „Das kommt leider immer wieder vor“, erzählt Keshia Böttcher, die als Tierpflegerin im Tierheim arbeitet und „Lulu“ alle zwei Stunden füttert.

Behutsam hält sie die Babykatze in der Hand, während sie mit der anderen die Flasche hält, an der „Lulu“ ungeduldig saugt. Das Maunzen hört sich inzwischen nicht mehr kläglich, sondern richtig energisch an. „Ihr geht es soweit schon wieder ganz gut“, bestätigt die 23-Jährige – nicht zuletzt wegen des Einsatzes der Schleswiger Tierpfleger. „Auch nachts muss sie versorgt werden, dann nimmt einer von uns sie mit nach Hause“, sagt Böttcher und streichelt „Lulu“ über den Bauch, die daraufhin zu schnurren und zu pinkeln anfängt. „Das würde ihre Mutter genauso machen.“

Bis „Lulu“ acht Wochen alt ist, bleibt sie im Tierheim, aber neue Besitzer haben sich schon gefunden. Eine Geschichte mit Happy-End also.

Das ist nicht immer so: „Viele denken, Tierpfleger kuscheln und spielen den ganzen Tag. Doch wir sind zum Beispiel auch bei der Beschlagnahmung von Tieren dabei“, erzählt sie. Die sonst so fröhliche Schleswigerin wird ruhig, das Lachen in ihrem Gesicht verschwindet. „Wir haben üble Sachen erlebt. Eine Beschlagnahmung wird vom Ordnungsamt angeordnet. Wir kommen dann dazu.“ Das können schlecht gehaltene Hühner oder Gänse, aber auch normale Haustiere sein. Richtig ins Detail möchte die 23-Jährige, die seit sechs Jahren mit Unterbrechung im Tierheim arbeitet, gar nicht gehen. Sie war auch dabei, als im Mai ein Hund auf den Schleswiger Königswiesen von einem anderen Hund totgebissen wurde. „Ich war mit im Auto, als der Hund starb. So viel Blut habe ich in meinem Leben noch nie gesehen“, erzählt sie auch fast drei Monate später noch mit einem Schaudern. Als sie wieder zu Hause war, habe sie erstmal tief durchatmen müssen. Der Kontakt zu den Haltern des verstorbenen Hundes blieb. Diese haben sich inzwischen im Tierheim einen neuen ausgesucht.

Nachdem Keshia Böttcher „Lulu“ fertig gefüttert hat, geht es gleich weiter zu „Sally“. Auch die Hundedame hat schon Traumatisches hinter sich. Sie wurde einem Bettler weggenommen, der versuchte, sie zu ertränken. Da war die Mischlingshündin trächtig – inzwischen ist sie Mutter, die jetzt mit ihren fünf Wochen alten Welpen schon sehnsüchtig auf die Tierpflegerin wartet. Dass „Sally“ nur knapp dem Tod entronnen ist, merkt man kaum. Freundlich wedelnd begrüßt sie den Besuch und schleckt immer wieder die Füße ab. „Das ist ihr Tick, sie beschwichtigt“, sagt Keshia Böttcher während sie gleichzeitig das Futter für die Rasselbande der Hündin zubereitet. „Skotta“, „Freya“, „Nike“ und „Bjarki“ erforschen währenddessen das Außengelände: Sie knurren sich an, leises Gebell ist zu hören. Zwei der Welpen tragen einen Schaukampf aus. „Langsam werden sie erwachsen“, sagt Keshia Böttcher und lacht wieder. Auch für „Sally“ ist das Happy-End in Sicht – es gibt bereits ein neues Herrchen. Ihre Welpen werden vermittelt, wenn sie so weit sind.

Die Arbeit mit den Tieren ist für die 23-Jährige ein absoluter Traumberuf, auch wenn man sich damit „keine goldene Nase verdienen kann“. Nach ihrer Ausbildung habe sie dieser Arbeit nur kurz den Rücken gekehrt. Der Verwaltungsjob war nichts für sie. „Wenn man einmal im Tierheim arbeitet, dann kann man nicht mehr aufhören.“ Neben der Versorgung der Tiere, beantwortet Keshia Böttcher zahlreiche Anfragen. „Man muss da schon flexibel sein. Oft wird man aus seiner Arbeit herausgerissen.“

Ihre Lieblingsaufgabe jedoch ist die Vermittlung der Tiere. „Wir begleiten sie ein Stück ihres Weges. Wenn sie dann ein neues Zuhause finden, ist das jedes Mal berührend.“ Wenn sich Menschen für einen Hund aus dem Tierheim interessieren, dann organisieren die Mitarbeiter Kennenlern-Termine, um zu schauen, ob der potenzielle Halter und das Tier sich verstehen. „Dann machen wir eine Vorkontrolle, ob das Zuhause für den Hund artgerecht und geeignet ist.“ Ist dies der Fall, wird das Tier mit Schutzvertrag und -gebühr abgegeben. Diese variiert. Katzen werden ohne Vorkontrolle vermittelt. Jedoch müssen neue Halter mit stichprobenartigen Kontrollen rechnen. „Wir wollen sichergehen, dass die Tiere es wirklich gut haben.

Diese Fledermaus wurde dehydriert im Tierheim abgegeben.
Birthe Herbst-Gehrking
Diese Fledermaus wurde dehydriert im Tierheim abgegeben.
 

Doch nicht nur Haustiere finden im Tierheim ein vorübergehendes Zuhause. An diesem Tag haben besorgte Schleswiger eine Fledermaus abgegeben, die sie dehydriert auf dem Bürgersteig gefunden haben. „Ich bin die Fledermausexpertin hier“, sagt Yvonne Wiegers-von Wegner, Vorsitzende des Tierschutzvereins, während sie – eine Spritze in der Hand – das kleine Tier mit Wasser versorgt. Das ist nicht begeistert und zeigt spitzen Zähne. „Schon wieder ganz schön fit“, lässt sich Wiegers-von Wegner nicht abschrecken. Am gleichen Tag wollte sie sie wieder freilassen – noch ein Happy-End.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen