Aus Dirk wurde Hannah : Transgender in Angeln: „Hier möchte ich heil werden“

Draußen in der Natur: Hannah Schmidt mit ihrem Hund „Charly“.
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Draußen in der Natur: Hannah Schmidt mit ihrem Hund „Charly“.

Hannah Schmidt wurde als Mann in Osnabrück geboren – als Frau hat sie in Brodersby ein neues Zuhause gefunden.

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18. Februar 2018, 08:27 Uhr

Hannah spricht leise. Manchmal steigen ihr die Tränen in die Augen. Manchmal, wenn sie lacht, blitzt mädchenhaft ein Grübchen am Kinn auf. Die Frau hat viel zu erzählen. Es liegen schwere Zeiten hinter ihr – und vielleicht auch vor ihr.

Als sie geboren wurde, hieß Hannah Dirk. Und dennoch: Ein Mädchen mit langen Haaren lacht von einem alten Schwarz-Weiß-Foto, das sie zeigt. „Das bin ich mit etwa neun Jahren. Ich habe mich immer als Mädchen gefühlt.“ Doch leben tut sie als Mann, und zwar als einer, der Benzin im Blut hat.

Dirk Schmidt ist ein Kerl, der an Autos schraubt und Harley-Davidson-Motorräder liebt. Als Brandschutz-Techniker verdient er gutes Geld. Was keiner ahnt, nicht einmal seine Frau: Unter den Arbeitshosen trägt der gestandene Mann Strumpfhosen, manchmal sogar Strapse. „Jedenfalls heimlich wollte ich eine Frau sein“, sagt Hannah heute und streicht sich gedankenverloren durch die blonden Haare. „Aber das war hart.“

Strapse unter den Arbeitshosen

Die 55-Jährige erzählt, wie es war, das erste Mal Damen-Wäsche zu kaufen, wie sie an der Kasse stand mit schweißnassen Händen und hochrotem Gesicht. Sie erzählt, wie es war, heimlich als Frau in einer Ehe zu leben. Sie erzählt von versteckter Kleidung, davon, dass sie dachte, „krank und pervers“ zu sein und davon, wie schließlich alles offenbar wurde. In einem gemeinsamen Urlaub in Dänemark war das, als der Ehefrau plötzlich der Lidstrich an den Augen ihres Mannes auffiel. Zuvor schon hatte Dirk versucht, sich einem Freund anzuvertrauen, „aber der wollte es nicht hören. Das tut sehr weh, wenn du denkst, es ist dein bester Freund. Aber das kann er ja gar nicht sein, wenn er dich nicht sieht, nicht als Mensch sieht“.

Jemanden als Menschen zu sehen, das ist Hannah wichtig. „Es ist doch egal, wie eine rumläuft oder ob jemand als Mann oder als Frau durchs Leben gehen möchte. Das ist doch eine ganz persönliche Entscheidung. Wichtig ist, in jedem den Menschen zu sehen und dann diesem Menschen zu begegnen.“

Dirk ist 46 Jahre alt, als er seiner Frau von seinem Geheimnis berichtet, davon, wie sehr er selbst als Frau leben möchte. Gemeinsam planen beide die nächsten Schritte. Aus Dirk soll endlich Hannah werden, auch körperlich. Jahre folgen, in denen der Mann als Frau lebt, in denen er sie wird und Ärzte, Psychologen, Krankenkasse von der Ernsthaftigkeit des Vorhabens überzeugt, in denen sie Familie und Freunden reinen Wein einschenkt.

Abschied von vielen Menschen

Es ist eine Zeit, in der Hannah viel erlebt. Sie muss sich von Menschen verabschieden. „Du siehst, wie dich die Leute angucken, und versinkst im Boden. Du begegnest deinen früheren Kumpels auf dem Schützenfest und fühlst die Mauer, die entstanden ist. Aber irgendwann ist das alles scheißegal. Dann fängst du dein neues Leben an.“

Hannah lernt die Menschen neu kennen. Sie singt im Chor, um die Stimme zu trainieren. Sie schließt neue Freundschaften und dann im März 2014 ist es soweit. Euphorisch geht sie ins Klinikum, das Gutachten das ihr bescheinigt, operiert werden zu dürfen, in der Tasche. Sie freut sich, denn nun soll ihr Leben als Frau beginnen, als richtige Frau.

„Und da habe ich dann den entscheidenden Fehler gemacht“, blickt sie zurück. „Ich bin nicht meinen eigenen Vorstellungen, meiner Intuition gefolgt, sondern habe mich überreden lassen.“ Statt wie geplant in München, lässt Hannah sich in ihrer Heimatstadt Osnabrück operieren. Zwar gelingt der Eingriff, doch in der Folge kommt es zu schmerzhaften Entzündungen. Wunden entstehen. Es bilden sich Narben. Bis heute hat sie Schmerzen, gesundheitliche Einschränkungen, wird acht Mal operiert. Sie kämpft um Schadensersatz und Schmerzensgeld. Mehrere tausend Euro klagt die Rentnerin ein. Arbeiten kann sie nicht mehr. Die körperlichen Schwierigkeiten, die Operationen und ihre Folgen – sie nehmen Hannah gefangen. „Ich hatte gar kein anderes Thema mehr.“ Und so zerbricht schließlich die Ehe.

Mit dem Finger auf der Karte an die Schlei
 

Hannah Schmidt trägt viele Narben auf ihrem Körper und der Seele. Untergegangen ist sie nicht. Sie hat neu angefangen. Eines Tages schlug sie ihren Atlas auf und suchte nach einem Ort, an dem es schön sein könnte – mit dem Finger auf der Landkarte . „Am Meer, da fühle ich mich immer wohl.“ Ihr Finger landete auf der Schlei. „Und so kam ich vor einem Jahr hierher nach Brodersby.“ Dort lebt sie zur Miete in einem kleinen Häuschen. Ein gebrauchtes Klavier steht drin und eine elektronische Orgel. Klassische Musik ist ihr wichtig. Und der Chor. „Singen, das kann ich“, sagt Hannah und Tränen steigen ihr in die Augen. Draußen lacht sie, grüßt fröhlich rüber zum Nachbarn.

Die Menschen hier begegnen ihr offen. Mit ihrem Hund „Charly“ ist sie viel in der Natur unterwegs. Am Missunder Noor steht ihre Lieblingsbank. „Hier“, sagt sie, „möchte ich heil werden. Und ich möchte meine Geschichte erzählen. Nicht, weil ich berühmt sein will. Aber ich habe eine Botschaft“, einen eindringlichen Appell sogar an alle Trans-Frauen: „Steh zu dir, folge deinem Gefühl und deiner Intuition. Jede Entscheidung triffst du verantwortlich für dich.“ Und dazu gehöre eben auch, die Entscheidung, auf welche Weise man anderen begegnet. Ob Geschlecht, Aussehen oder Status wichtig sind – oder „das, was hinter der Fassade ist“.

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