Traditionsfischer in Not

bhg-fischer 3

Der Holmer Jörn Ross schlägt Alarm: Fischer an der Schlei leiden unter reduzierter Dorschquote und Sperrzeiten

shz.de von
17. März 2017, 19:06 Uhr

Seit dem 17. Jahrhundert gehört die Familie von Jörn Ross zu den Holmer Fischern in Schleswig. Doch solche Härten wie heutzutage hat sie seiner Aussage nach noch nicht erlebt. Inzwischen fürchtet der Traditionsbetrieb sogar wie viele andere Fischer im Kreis Schleswig-Flensburg um seine Zukunft.

„Dabei geht es nicht nur um die um 56 Prozent reduzierten Dorschquoten (wir berichteten), sondern auch um die zusätzlich gesetzlich auferlegte Still-Legezeit“, erklärt Jörn Ross. Neben der Dorsch-Schonzeit vom 1. Februar bis zum 31. März müssen die Fischer nämlich zwischen 1. April und 30. Juni zusätzlich 30 Tage lang auf den Dorschfang verzichten, damit der Laich des Fisches geschützt wird. „Entweder wir bleiben ganz im Hafen und erhalten dann eine Entschädigung – in unserem Fall von etwa 5800 Euro – oder wir verzichten darauf, fahren hinaus und fischen dann nur auf andere Fische wie Hering, Plattfisch und Sprotten“, erklärt er. Welche Variante der Fischwirtschaftsmeister wählt, ist für ihn ganz klar. „Ich verzichte auf die Entschädigung. Damit könnte ich meine Familie nicht ernähren, die laufenden Kosten begleichen und gleichzeitig meine beiden Angestellten bezahlen“, sagt er verärgert.

Die Einstellung des Fischfangs über 30 Tage hätte für ihn zudem viele weitere Konsequenzen. „Ich müsste meinen mühsam aufgebauten Direktverkauf am Schleswiger Stadthafen einstellen.“ Im Moment ist er dort bis auf sonntags täglich von 9 bis 11 Uhr anzutreffen. „Ob die Kunden nach einer Pause von 30 Tagen wiederkommen, ist fraglich.“ Auch die Gastronomen, die er mit Fisch versorgt, könnten abspringen. Ebenso fürchtet er darum, seine Mitarbeiter zu verlieren. „Gut ausgebildete Kräfte sind in dieser Branche schwer zu finden. Die könnten sofort an der Nordsee eine andere Beschäftigung anfangen“, sagt er.

Sieben Tage die Woche ist Jörn Ross auf Schlei und Ostsee unterwegs. „Früher gehörte der Dorsch zu unserem Haupterwerbszweig“, erinnert er sich. In den 80er-Jahren habe er jährlich 70 Tonnen fischen dürfen. „Heute sind es nur noch vier. Die um 56 Prozent geminderte Quote bedeutet für mich 56 Prozent weniger Umsatz“, sagt er. Auch wenn er nicht ausschließlich Dorsch fische, treffe das sein Unternehmen: „Diese Quote ist kaum zu verkraften. Wenn das in Zukunft so weitergeht, dann ist der Betrieb nur schwer zu halten.“ Gerade Fischer, die sich auf den Dorschfang spezialisiert haben, stünden jetzt vor dem Ruin. Er wisse von Kollegen auf Fehmarn und aus Heiligenhafen, die aufhören müssen.

Eine Überfischung des Dorsches zweifelt er an. 2015 und 2016 habe es seiner Meinung nach reichlich Nachwuchs gegeben. „Doch sobald die Fische eine gewisse Größe erreicht haben, werden sie von Kormoranen gefressen“, hat er beobachtet. Er wünsche sich, dass von den Behörden mehr eingegriffen werde. „Was wir dieses Jahr in der Schlei erleben, gleicht einem Desaster. Es gibt kaum Barsche, Zander oder Brassen.“

Wenn man Jörn Ross so reden hört, wird klar, dass er seinen Beruf mit viel Leidenschaft ausübt. Würde er bei den ganzen Problemen gerne alles aufgeben und etwas ganz anderes machen? „Niemals“, antwortet er auf diese Frage. Der Beruf sei sehr schön, nur die Rahmenbedingungen stimmten nicht mehr. „So macht das oft einfach keinen Spaß mehr.“ Neben viel Bürokratie, die täglich anfalle, müssten die Fischer inzwischen weite Anfahrtswege in Kauf nehmen. „Wir fischen in der Schlei zurzeit auf Hering, in der Ostsee auf Plattfisch. Da sind wir 30 Stunden am Stück unterwegs“, sagt Ross. Er und sein Team wählten mit Absicht Orte aus, an denen sie nicht auf Dorsch treffen. „Wir fahren im Moment nach Hohwacht. Das heißt für uns zehn Stunden Anfahrt, zehn Stunden fischen und zehn Stunden Rückfahrt“, erzählt er aus seinem Alltag. Die Kollegen aus Kappeln würden sogar bis nach Rügen fahren. Doch der ganze Aufwand lohne sich nicht richtig. „Die Preise für Hering sind durch ein geändertes Konsumverhalten im Keller. Für das Kilo bekomme ich 18 Cent brutto bei der Genossenschaft.“

Nur durch die gute Aufstellung seines Betriebs könne er die Einbußen noch auffangen. „Wir sind durch die Schlei vielleicht etwas flexibler als andere“, meint er. Erst am Ende des Jahres könne er abschätzen, wie hart die Einschnitte seine Firma getroffen haben. „Im Moment leben wir nur von der Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch etwas ändert“, sagt er. Den Familienbetrieb freiwillig aufzugeben, kommt für ihn nicht in Frage.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen