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Kreis Schleswig-Flensburg : Tote Lämmer in Tielen: War es wieder ein Wolf?

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Aus der Onlineredaktion

„Ein Hund ist nie so ausgehungert, um so vorzugehen“, mutmaßt Frank Rahn. Eins seiner Lämmer wurde bis auf die Knochen gefressen.

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2015 | 12:42 Uhr

Tielen | Immer noch geschockt ist das Landwirtsehepaar Sabine (43 Jahre) und Frank Rahn (44) aus Tielen im Kreis Schleswig-Flensburg: Am vergangenen Sonnabend ging Sabine Rahn wie gewohnt zu den 13 Schafen und neun Lämmern, die auf einer Naturschutzstiftungsfläche weideten. Diese Fläche liegt genau dort, wo die Sorge in die Eider fließt. Diese Weide ist etwa sechs Kilometer entfernt von dem Ort Tielen liegend. „Ich merkte sofort bei meinem Erscheinen die Unruhe der Schafe“, sagt die Landwirtin. Drei Schafe und ein Lamm mit Halsbisswunden lagen tot im Entwässerungsgraben und ein Lamm war bis auf Knochen und Fell komplett aufgefressen. Aufgrund von Spuren ist erkennbar gewesen, dass ein „angefressenes Schaf“ auf die Kante zurückgeholt wurde. „Ein Hund ist nie so ausgehungert, um so vorzugehen“, mutmaßt Frank Rahn.

Sofort haben die Rahns den Rest der Schafe in den Stall geholt. Davon sind bisher zwei Lämmer an den Halsbisswunden-Verletzungen gestorben. Trotz tierärztlicher Behandlung sind noch weitere Schafe stark gefährdet.

Die Rahns haben mit den Wolfexperten in Eekholt Kontakt aufgenommen. Eine DNA-Probe ist von den verendeten Tieren entnommen worden. In zwei bis drei Wochen ist erst mit einem Ergebnis zu rechnen. „Von Eekholt erhielten wir auch einen elektrisch betriebenen Herdenfangzaun, um einen Teil unserer Flächen damit abzusichern“, sagt Rahn.

Vorerst bleiben die Schafe jedoch auf den Koppeln in Hofnähe. Diese Flächen sind eigentlich für die Mutterkuhhaltung der Rahns vorgesehen: „Unsere Limousin-Kühe weiden mit ihren Kälbern im Sommer immer draußen.“ Auch hier ist das Ehepaar besorgt, ob nicht irgendwann die neugeborenen Kälber Ziel von Biss-Attacken werden könnten. Selbst wenn man überall Herdenfangzäune aufstellen wollte, dann bliebe trotzdem die Sorge. „Mit zunehmender Vegetation wächst das Gras in die Flechtzäune und der Schock-Strom wirkt nicht mehr“, so Rahn.

Ganz verstört ist auch Tochter Nele (12). Die Schafe und Kälber sind ihr ein und alles, sie besucht sie gern draußen in der Natur. Sie selbst stellt ihrer Mutter immer wieder die Frage: „Kann mir auch so etwas passieren?“

Wo Wölfe in Schleswig-Holstein bereits nachgewiesen wurde, zeigt shz.de auf einer Karte:

Wie viele Wölfe gibt es in Deutschland?

Nach Angaben des Wolfsinformationszentrums Schleswig-Holstein gibt es zurzeit 34 Wolfsrudel bzw. -paare und drei sesshafte Einzelwölfe. Die Anzahl variiert je nach Bundesland. Am häufigsten sind die Tiere im östlichen Teil Deutschlands in der Lausitz (nordöstliches Sachsen und südliches Brandenburg) unterwegs.

Seit wann sind die Tiere wieder in Schleswig-Holstein?

Wölfe lassen sich immer wieder in SH sehen. Den ersten Nachweis nach 200 Jahren gab es im April 2007. Damals wurde ein Jungtier in der Nähe von Süsel (Ostholstein) überfahren. Untersuchungen ergaben, dass das Tier aus dem sächsischem Raum stammte.

Auch 2012, 2013 und 2014 konnten Wölfe nachgewiesen werden. Eine Karte auf der Homepage des Wolfinformationszentrums Schleswig-Holstein zeigt die Hinweise auf Wölfe.

Stellen Wölfe eine Bedrohung für den Menschen dar?

Grundsätzlich geht von den Tieren keine Gefahr aus. Der Wolf galt vor langer Zeit sogar als enger Freund des Menschen und wurde vor etwa 14.000 bis 16.000 Jahren von Menschen aufgezogen und als Haustier gehalten.

Menschen passen nicht in das Beuteschema der Wölfe. „Hauptsächlich ernähren sie sich von Rehen und Wildschweinen, Nutztiere wie Schafe sind da eher die Ausnahme“, bestätigt uns Wolf von Schenck, Geschäftsführer vom Wolfsinfozentrum Schleswig-Holstein. Menschen gegenüber verhalten sie sich sehr scheu. Das war am Wochenende jedoch nicht der Fall: „Es ist schon sehr auffällig, dass der Wolf die Nähe zum Menschen kaum gescheut hat“, sagt der Experte. Selbst als man das Tier vertrieben hatte, kam es wieder.

Bei gesunden Wölfen besteht keine Gefahr. Sind sie jedoch mit Tollwut infiziert, kann sich ihr Verhalten ändern. Tollwut kann laut dem Wolf-Experten jedoch so gut wie ausgeschlossen werden. Die Virusinfektion ist in Deutschland nicht mehr verbreitet und wurde durch einen Impfköder bekämpft.

Warum greift ein Wolf Schafe an?

Fachleute untersuchen gerade, warum sich der Wolf den Schafen gegenüber so aggressiv verhalten hat. Von den verletzten Tieren wurden Abstriche genommen, um mit Hilfe von genetischen Untersuchungen weitere Informationen über den Wolf zu erhalten.

„Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass die Wölfe von Menschen gefüttert wurden. Diese Informationen stammen jedoch aus Niedersachsen und werden derzeitig noch überprüft“, sagt Wolf von Schenck gegenüber shz.de. Wenn sich diese Hinweise bewahrheiten, könnte das ein Grund dafür sein, warum der Wolf bei Mölln kaum Distanz zum Menschen eingehalten hat.

Wie kann ich mich schützen?

In der Regel zieht sich der Wolf bei einer Begegnung mit dem Menschen von alleine zurück. Weil die Tiere ausgezeichnete Ohren haben, vermeiden sie bereits früh den Kontakt mit ihnen. Aufgrund des aktuellen Vorfalls im Februar rät das schleswig-holsteinische Umweltministerium vor allem den Bewohnern der Region Mölln, ihre Hunde nicht unangeleint laufen zu lassen. Auch Tierhalter von Schafen und Ziegen sollten darauf achten, ihre Tiere angemessen zu schützen.

Wo kann man sich informieren?

Für Fragen oder Wolfshinweise kann man sich an das Wolfsinformationszentrum Schleswig-Holstein wenden. Es gibt eine spezielle Notfall-Hotline: 0174-6330335. Weitere Informationen gibt es unter www.wolfsbetreuer.de. Insgesamt gibt es inzwischen 38 Wolfsbetreuer, die über das ganze Land verteilt sind.

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