Landgericht Flensburg : Tödlicher Nachbarschaftsstreit: Staatsanwalt fordert zehn Jahre Haft

In diesem Haus in der Nähe des Schützenredders wohnte Gerwin L. – hier kam er vermutlich auch ums Leben.
In diesem Haus in der Nähe des Schützenredders wohnte das Opfer.

Auslöser für den Streit war die Forderung nach Kaffee. Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehen von Totschlag aus.

shz.de von
05. Juli 2018, 18:37 Uhr

Flensburg/Schleswig | Die Staatsanwaltschaft am Landgericht Flensburg hat zehn Jahre Haft für einen 53-Jährigen gefordert, der seinen Nachbarn nach einem Streit über eine Tasse Kaffee tagelang in seiner Wohnung in Schleswig festgehalten und dann getötet haben soll. Der Angeklagte muss sich wegen Freiheitsberaubung und Totschlags verantworten. Der 53-Jährige ließ zu Prozessbeginn über seine Anwältin erklären, dass er die Vorwürfe nicht bestreite. Weiter äußerte er sich nicht zur Tat.

Die Tat habe sich im Wesentlichen so zu getragen, wie angeklagt, zeigte sich der Staatsanwalt am Donnerstag überzeugt. Demnach gerieten die beiden Deutschen am 16. Oktober 2017 in Streit, weil der Nachbar eine Tasse Kaffee vom Angeklagten gefordert hatte. Es kam zu einem Faustkampf, der Nachbar ging bewusstlos zu Boden. Etwa drei Tage lang musste der 61-Jährige ohne Nahrung und mit Panzertape an Händen und Füßen gefesselt auf dem Küchenboden ausharren. Dann habe der 53-Jährige beschlossen, ihn zu töten, sagte der Staatsanwalt weiter. Dazu soll er seinem Nachbarn zunächst mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen und ihn anschließend mit einem Gürtel erwürgt haben.

Völlig wehrlos am Boden

Eine Verurteilung wegen Mordes kommt nach Ansicht des Anklagevertreters nicht in Betracht, da kein Mordmerkmal sicher bestätigt werden könne. So könne beispielsweise nicht mit der erforderlichen Sicherheit festgestellt werden, ob der Angeklagte seinen Nachbarn umbrachte, um die Freiheitsberaubung zu vertuschen.

Es gebe aber eine Nähe zum Mord. So sei das seit Tagen gefesselt am Boden liegende Opfer zwar nicht arglos, aber völlig wehrlos gewesen, als der 53-Jährige mit dem Hammer zugeschlagen hatte, sagte der Anklagevertreter.

Die Nebenklagevertreterin, die die Angehörigen des Opfers vertritt, zeigte sich überrascht über das Verneinen von Mordmerkmalen. Ihrer Ansicht nach sei das Mordmerkmal der Verdeckungsabsicht klar zu erkennen. 

Urteil am Montag

Die Verteidigung plädierte ebenfalls auf eine Verurteilung wegen Totschlags. Sie hielt eine Gefängnisstrafe von sieben Jahren für angemessen. Gegen das Mordmerkmal der Verdeckungsabsicht spricht ihren Schilderungen zufolge beispielsweise, dass ihr Mandant keinerlei echte Anstalten gemacht habe, die Leiche aus der Wohnung verschwinden zu lassen. Sie sei überzeugt, dass der 53-Jährige selbst nicht wusste, warum er seinen Nachbarn getötet hatte. Er habe keine Erklärung dafür gehabt, warum er zum Hammer gegriffen habe.

Der 61-Jährige galt seit dem 16. Oktober als vermisst. Wochenlang suchte die Kriminalpolizei nach ihm. Die Ermittler gelangten durch Zeugen und den Fund des Wagens des Opfers auf die Spur des Angeklagten. SEK-Beamte stürmten am 22. November die Wohnung und fanden die Leiche und den Tatverdächtigen. Das Urteil soll am Montag um 14 Uhr verkündet werden.

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