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Mulchen am Strassenrand : Todesfalle für Insekten, Raupen und Igel

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Gartenbauer Wolfgang Schnau aus Brebel kritisiert den radikalen Grünschnitt an den Straßenrändern. Er fordert: „Brombeeren und Brennnesseln müssen stehen bleiben!“

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erstellt am 24.Okt.2017 | 11:49 Uhr

Wolfgang Schnau regt sich auf. Und das schon seit Jahren. Aber zurzeit hat das Thema, das ihm den Puls hochtreibt, Konjunktur. „Alle jammern jetzt plötzlich darüber, dass das große Insektensterben eingesetzt hat. Das aber war abzusehen. Angefangen hat alles schon viel früher.“ Schnau ist Garten- und Landschaftsbauer in Brebel. Und als Fachmann weiß er sehr wohl, dass der Hauptgrund für diese Entwicklung Insektizide und Monokulturen sind. Auch das gefällt ihm natürlich überhaupt nicht. Wirklich sauer aber wird er, wenn der Lebensraum von Mücken, Hummeln, Raupen und sogar Igel direkt vor seiner Nase vernichtet wird – und die Tiere gleich mit. Sein Thema ist das Mulchen an den Straßenrändern. Dabei werden Sträucher und Büsche von einer Maschine geschnitten und gleichzeitig zerkleinert. „Ich habe wirklich nichts dagegen, dass die Büsche in unübersichtlichen Kurven so weit zurückgeschnitten werden, dass es keine Sichtbehinderungen gibt“, sagt er, „aber in der Realität kommt es häufig zum Kahlschlag.“

Das Fass zum Überlaufen brachte eine Aktion an seinem Feld bei Schrepperie zwischen Süderbrarup und Gelting. Die Mulchgeräte hatten nicht nur das Gebüsch an der Straße „rasiert“, sondern auch noch über einen kleinen Graben hinweg einige Meter ins Land – bis an seinen Zaun. „Völlig unnötig“, schimpft Wolfgang Schnau, „hier standen Brennnesseln, Brombeeren und andere Büsche – und die waren alle voller Leben.“ Das Gebüsch ist Lebensraum für Insekten, die dort bei Nässe und Kälte in Starre verfallen und so eigentlich überleben können. Sie alle sind der Aktion zum Opfer gefallen. Und im Boden, den der Mulcher teilweise aufgerissen hat, hatten Hummeln ihre Höhlen, sagt Schnau. Entsetzt allerdings war der Naturfreund, als er auch noch einen zerfetzten Igel entdeckte. Der hatte sich wohl zum Winterschlaf in das vermeintlich sichere Gestrüpp zurückgezogen – ein tödlicher Irrtum. „Früher gab es nicht nur mehr Insekten“, sagt Schnau, „sondern auch mehr Igel. Inzwischen gibt es die immer seltener – warum wohl?“

Dabei wäre es so einfach, den Insekten, Raupen, Zauneidechsen, Kröten und Igeln ein wenig mehr Lebensraum zu verschaffen: „Warum beschränkt man sich nicht darauf, für Verkehrssicherheit zu sorgen und darüber hinaus Brennnesseln und Gebüsch stehen zu lassen? Zudem sollten nicht gemulcht, sondern einfach zweimal im Jahr gemäht werden. Das reicht völlig aus und gefährdet die Artenvielfalt nicht. Aber heutzutage muss ja alles effizient und kostengünstig sein. Aber bitte nicht auf Kosten der Insekten und der Vögel.“

Dass beim Mulchen auch massenhaft Müll zerkleinert wird, der anschließend nicht mehr weggesammelt werden kann, ist ihm zusätzlich ein Dorn im Auge. „Das bleibt jetzt alles ewig liegen.“

Bei der Fahrt durch die schöne Angelner Landschaft gerät Wolfgang Schnau immer weiter in Brass. Man könne sich die ganzen Blühstreifen und Insektenhotels sparen, wenn man an den Straßen und Knicks nicht so radikal vorgehen würde – und dann kommt er auch noch auf die Entwässerung der Felder zu sprechen, die Kiebitzen und Lärchen den Lebensraum nehmen und darauf, wie wichtig es sei, alte Bäume stehen zu lassen – ehe er wieder eine abgemulchte Fläche entdeckt. „Sollen unsere Kinder später Hummeln und Igel nur noch in Bilderbüchern sehen“, fragt er aufgebracht.

Wolfgang Schnau möchte erreichen, dass die Menschen lernen, die Landschaft mit anderen Augen zu sehen. „Klar, das sieht hier alles schön sauber und schier aus“, sagt er mit Blick auf einen freigeräumten Straßenrand. „Man muss allerdings auch wissen, dass dafür Millionen Insekten und andere Tiere ihren Lebensraum verloren haben und sogar getötet wurden.“

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