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Auf dem Hesterberg in Schleswig : Tod in der Psychiatrie? - Staatsanwaltschaft ermittelt

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im Landeskrankenhaus auf dem Schleswiger Hesterberg wurden bis in die 70er Jahre Kinder schwer misshandelt. Das ist inzwischen bekannt. Aber es gibt noch schwerwiegendere Vorwürfe.

Was bis in hinein in die 70er Jahre in der Kinder- und Jugendpsychiatrie geschah, das war kriminell. Daran gibt es immer weniger Zweifel, nachdem in den vergangenen Jahren und Monaten mehrere damalige Patienten erzählt haben, wie sie misshandelt und schikaniert wurden. Ein Fall für die Gerichte war das bislang dennoch nicht. Mögliche Straftaten sind verjährt.

In vielen vergleichbaren Kliniken in Deutschland herrschten damals ähnliche Zustände. Bund und Länder verhandeln seit Jahren über einen Entschädigungsfonds, von dem Betroffene profitieren könnten.

Aber das könnte sich jetzt ändern. Die Flensburger Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen Tötungsdelikten aufgenommen. Das bestätigt Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt auf Nachfrage. Der Verdacht ist bislang allerdings sehr vage. Es ist offen, ob die Ermittlungen zu konkreten Ergebnissen führen werden.

Günter Wulf aus Sieverstedt hat den Stein ins Rollen gebracht. Der heute 56-Jährige verbrachte in seiner Kindheit und Jugend insgesamt 18 Jahre auf dem Hesterberg und in anderen Heimen. Sein Schicksal ähnelt dem von vielen anderen Bewohnern des damaligen Landeskrankenhauses. Schon kurz nach der Geburt wurde er seiner Mutter weggenommen. Sein Vater soll im Gefängnis gesessen haben, er selbst hat ihn nie kennengelernt. Kinder wie er kamen ins Heim. Wenn dort kein Platz mehr war oder es Probleme gab, landeten sie auf dem Hesterberg - eigentlich ein Ort für Kinder mit geistigen Behinderungen. Günter Wulf war nicht der Einzige, der dort Jahre verbrachte, obwohl er geistig völlig gesund war.

Vor sechs Jahren erzählte Wulf seine Leidensgeschichte erstmals in unserer Zeitung. Reaktionen darauf gab es zunächst nur wenige. Aber langsam änderte sich das. Der WDR drehte eine Fernseh-Dokumentation mit Wolfgang Petersen, einem anderen früheren Hesterberg-Bewohner, der inzwischen in Nordrhein-Westfalen wohnt.

Und dann kam Alfred Koltermann. Auch er ein früherer Hesterberg-Bewohner. Der 63-Jährige berichtete in diesem Frühjahr von seinen erschütternden Erlebnissen. Für Günter Wulf war das ein Anlass, sich ebenfalls noch einmal mit jener Zeit auseinanderzusetzen. „Ich wurde hellhörig, als Alfred Koltermann erzählte, ältere Patienten hätten ihm gedroht, ihn mit einer Luftspritze umzubringen. Daran erinnere ich mich auch“, sagt Wulf.

Diese älteren Patienten waren nach seiner Einschätzung „Psychopathen“, die viele Kinder terrorisierten, ohne dass das Pflegepersonal gewillt oder in der Lage war, dagegen etwas zu unternehmen. „Lange Zeit dachte ich, die Sache mit den Luftspritzen wäre nur eine Drohung gewesen. Aber jetzt habe ich die Befürchtung, dass es auf diese Weise zu etlichen Sterbefällen gekommen ist. Das wäre dann Mord!“

Wulf wandte sich mit dieser Sorge an den Petitionsausschuss des Landtags und an Sozialministerin Kristin Alheit. Aus ihrem Ministerium schließlich gelangte das Thema zur Flensburger Staatsanwaltschaft.

Die Polizei hat daraufhin Zeugenaussagen von Wulf und Koltermann aufgenommen. Es zeichnet sich ab, dass die Aufklärung sehr schwierig werden dürfte. „Die möglichen Taten liegen sehr weit in der Vergangenheit“, sagt Stahlmann-Liebelt. Patientenakten aus jener Zeit sind nicht mehr vorhanden. Wenn Täter ermittelt werden sollten, ist ungewiss, ob sie noch leben – und ob sie überhaupt schuldfähig waren. Auch viele Pfleger, die damals möglicherweise weggesehen haben, sind längst verstorben. „Die Erzieher wussten von den Übergriffen der Psychopathen auf uns, haben aber nichts unternommen, vielleicht weil sie selbst Angst hatten“, meint Wulf.

Er hat traumatische Erinnerungen an den Tod von Mitbewohnern. Einmal, so erzählt er, sei ein kleines Mädchen von einem „großen blonden Patienten“ erwürgt worden. Das Pflegepersonal habe nicht rechtzeitig einschreiten können. Der Täter sei dann auf eine andere Station verlegt worden. „Was dann mit ihm geschah, weiß ich nicht.“ Ein anderes Mal habe er mit ansehen müssen, wie ein zweijähriger Junge an verstopften Atemwegen erstickte. Günter Wulf, damals elf Jahre alt, war so geschockt, dass er einfach davonrannte. Über die Flensburger Straße in den Wald hinein. Dorf griffen Polizisten ihn auf. „Als ich zurück war, wurde ich so lange verprügelt, bis ich beinahe das Bewusstsein verlor.“

Nur eines von vielen Beispielen für die Gefühlskälte des Personals in der Klinik. Viele der Pfleger hatten nie eine fachliche Ausbildung erhalten. Auch als 1972 mit Professor Hermann Meyerhoff ein neuer junger Direktor seinen Dienst auf dem Hesterberg antrat, der mit den Missständen aufräumen wollte, dauerte es noch Jahre, bis sich die Atmosphäre änderte, berichten frühere Mitarbeiter.

Koltermann hat im Herbst in Berlin an einer Anhörung über Entschädigungsfonds teilgenommen. Für Dezember war ein entscheidendes Treffen der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geplant. Es wurde vertagt.

 

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erstellt am 22.Dez.2015 | 17:44 Uhr

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