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Bürgermeisterwechsel in Schleswig : Thorsten Dahl: „Ich hätte mir bayerische Verhältnisse gewünscht“

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Schleswigs scheidender Bürgermeister Thorsten Dahl spricht im Interview über das Scheitern wichtiger Projekte, seine Probleme mit den Ratsfraktionen und den Gang zum Arbeitsamt.

Herr Dahl, haben Sie sich innerlich schon damit abgefunden, dass Ihre Zeit als Bürgermeister jetzt endet?
Es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Darauf bereite ich mich nun vor. Als ich mein Amt vor zwölf Jahren antrat, wusste ich, dass ich eine Aufgabe auf Zeit übernehme und dass es geschehen kann, dass ich nicht wiedergewählt werde. Mit 48 Jahren bin ich viel zu jung, um in Pension zu gehen. An diesem Freitag habe ich einen Beratungstermin bei der Arbeitsagentur.

Was waren die wichtigsten Erfahrungen, die Sie in Ihrer Zeit als Bürgermeister gemacht haben?
Ich habe sehr viele Menschen kennen gelernt, die ehrenamtlich tätig sind. Im politischen Bereich war es eine wichtige Erfahrung, dass der Bürgermeister nichts entscheiden kann. Er arbeitet der Ratsversammlung zu und führt ihre Beschlüsse aus. Was mir am meisten weh tat, waren Situationen wie jetzt bei der Abstimmung über den Theaterneubau: ein Patt im Rat. So etwas hatten wir auch bei der Therme auf der Freiheit und anfangs bei der Landesgartenschau. Da wünsche ich mir bayerische Verhältnisse. In Bayern ist der Bürgermeister Mitglied des Rates, und bei Gleichstand entscheidet seine Stimme.

Hätten Sie nicht in solchen Fällen im Vorfeld die Mehrheitsverhältnisse ausloten müssen?
Man kann nicht jedes einzelne Ratsmitglied fragen. Es gibt im Vorwege Ausschuss- und Fraktionssitzungen, aber jedes Mitglied ist am Ende nur seinem Gewissen verantwortlich.

Sie hätten, als beim Theaterneubau Unwägbarkeiten zur Finanzierung auftauchten, frühzeitig die Fraktionen in die Suche nach einer Lösung einbinden können.
Die Informationen über die Probleme sind hier erst zwei Tage vor der Ratsversammlung eingetroffen. Seitdem haben wir weitere Gespräche geführt, und ich glaube, dass wir jetzt eine Beschlussvorlage haben, die die Ratsversammlung mehrheitlich annehmen wird.

An dem Theaterthema hat sich wieder einmal gezeigt, dass das Verhältnis zwischen Ihnen und der Ratsversammlung angespannt ist.
Also, ich habe mit der Ratsversammlung überhaupt keine Probleme.

Aber die Ratsversammlung mit Ihnen, und zwar seit Beginn Ihrer Amtszeit. Woran liegt das?
Wenn man keine Argumente mehr hat, dann wird man emotional. Das hat nichts mit mir als Person zu tun. Es war bei einigen früheren Bürgermeistern auch so.

Aber es ist vorher nicht vorgekommen, dass bei der Bürgermeisterwahl keine einzige Ratsfraktion den Amtsinhaber unterstützt hat.
Der Bürgermeister wird von der Bevölkerung gewählt und nicht mehr, wie meine Vorgänger, von der Ratsversammlung.

In den meisten anderen Städten gibt es aber zumindest die eine oder andere Fraktion, die den Bürgermeister bei der Wiederwahl unterstützt.
Ich habe immer gesagt, ich will für die Bevölkerung tätig sein. Das mag der einen oder anderen Fraktion nicht gefallen. Das will ich nicht kommentieren.

Ist es förderlich gewesen, viele Dinge in Ihrem Internet-Blog gleich öffentlich zu diskutieren?
Ich bin dort nur auf Dinge eingegangen, die bereits öffentlich Thema waren. Übrigens bloggen auch andere Bürgermeister. Andreas Breitner in Rendsburg hat es zum Beispiel getan – und es damit bis zum Innenminister gebracht.

War die öffentliche Kritik jemals so heftig, dass Sie überlegt haben, den Bettel hinzuschmeißen?
Es gibt Kritik, es gibt aber auch viele positive Rückmeldungen, deshalb fällt es mir auch schwer, nun zu gehen.

Was waren die größten Erfolge in Ihrer Amtszeit?
Wir haben im Rathaus das computerbasierte Informationssystem Allris eingeführt – das papierlose Büro, das unsere Arbeit zugleich übers Internet so transparent macht wie in keiner anderen Stadt in Schleswig-Holstein. Außerdem haben wir eine schlimme Zeit überstanden, in der uns immer weniger Steuereinnahmen zur Verfügung standen. Zuletzt gingen auch die Gewinnabführungen der Schleswiger Stadtwerke immer weiter runter. Trotzdem haben wir uns weiterhin Dinge geleistet wie zum Beispiel das gebührenfreie Parken in der Innenstadt.

Sie haben selbst einmal vorgeschlagen, Parkgebühren einzuführen – und sind damit gescheitert.
Ich kann immer sagen: In meiner Amtszeit gab es keine Parkgebühren. Aber hätten wir von Anfang an Parkgebühren gehabt, wären wir jetzt nicht nur schuldenfrei, sondern hätten richtig Geld auf der hohen Kante. Ich höre immer wieder, wie schön es doch in Eckernförde aussieht. Ja, da gibt es Parkgebühren.

Haben Sie die Stadt dennoch vorangebracht?
Wir haben die Landesgartenschau auf die Beine gestellt; das will ich allerdings nicht auf meine Fahnen schreiben. Wir haben die Krippenbetreuung für Kinder unter drei Jahre reibungslos hinbekommen und viele andere Dinge.

Was hätten Sie darüber hinaus noch gern erreicht?
Ich hätte gern noch den zweiten Bauabschnitt des Neubaugebietes am Berender Redder auf den Weg gebracht, in der Verwaltung ein neues Dokumenten-Managementsystem eingeführt, ein Konzept zur Verkehrsplanung vorgelegt und einen Jugendbeirat ins Leben gerufen.

Hätten Sie gern mehr Erfolg dabei gehabt, neue Unternehmen nach Schleswig zu locken?
Wir fördern zum Beispiel die Tourismusbranche immens, dadurch dass wir der größte Gesellschafter der Ostseefjord Schlei GmbH sind. Wir haben das Gewerbegebiet St. Jürgen zwei Mal ausgebaut und das neue interkommunale Gewerbegebiet in Schuby mit auf den Weg gebracht.

Aber richtig große Arbeitgeber gibt es nicht mehr. Zuletzt ist auch noch Danfoss verschwunden.Danfoss ist immens expandiert und brauchte eine größere Immobilie. Das Unternehmen hat zwar die Stadt verlassen, ist aber in unserer Region geblieben, nämlich in Flensburg. Das ist ein Riesenerfolg. Die Alternative für Danfoss war, nach Asien zu gehen.

Sollte der Bürgermeister nicht gegenüber der Wirtschaft selbst mehr Flagge zeigen?
Was kann ein Mann allein da erreichen? Ganz am Anfang meiner Amtszeit habe ich tatsächlich 200 Briefe an Unternehmen geschrieben und gesagt: Kommt nach Schleswig. Es gab keine Reaktion. Wir haben das Stadtmanagement, wir sind Teil der Wirtschaftsfördergesellschaft Wireg. Das ist viel sinnvoller.

Welche Tipps haben Sie für Ihren Nachfolger?
Mein Nachfolger kennt die Arbeit als Bürgermeister ja bereits aus Handewitt. Allerdings würde ich Herrn Dr. Christiansen sagen: Die Uhren ticken in Städten anders als in Gemeinden. In einer Gemeinde ist man als Bürgermeister der König und steht in der Mitte. Da kräht kein Hahn danach, wenn mal irgendwo am Rande etwas schief geht. In einer Stadt gibt es sofort Leute, die einem auf die Finger gucken. Man muss viele Leute mit ins Boot holen. Mein Tipp an Arthur Christiansen ist deshalb, nicht gleich alles über den Haufen zu werfen, sondern auch die gefestigten Strukturen auszuschöpfen.

Werden wir Sie künftig in ehrenamtlicher Funktion in der Öffentlichkeit erleben?
Ich bleibe Vorsitzender des Fördervereins Stadtmuseum, engagiere mich bei den Nachtraben und bin Mitglied im Lions Club. Ansonsten werde ich mich in den privaten Bereich zurückziehen und endlich einmal mehr Zeit für meine Kinder haben. Auf keinen Fall möchte ich Bürgermeister in einer anderen Stadt werden. Schleswig ist meine Heimat. Hier habe ich die Aufgabe mit Herzblut ausgefüllt. Woanders wäre es einfach nur ein Job. Das ist nicht meine Welt.

Was wäre Ihre Welt für Ihre berufliche Zukunft?
Das muss ich erst einmal schauen. Irgendwas, wo man mit Menschen zu tun hat.

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erstellt am 17.Jan.2014 | 07:24 Uhr

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