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Klassenzimmer-Stück : Theaterprofis in der Schule

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Premiere in Schleswig: Das Landestheater zeigt an der Domschule sein neues Jugendstück „Coming Out“. Es geht um einen schwulen Lehrer.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2013 | 14:00 Uhr

Sein „Guten Morgen“ ist etwas zu prägnant artikuliert, sein Gang etwas zu federnd. Irgend etwas stimmte nicht, als Geschichtslehrer Burkhardt gestern mit Ring im Ohr und Hut auf dem Kopf zum Unterricht vor einer elften Klasse der Schleswiger Domschule erscheint.

Er ist kein echter Geschichtslehrer. Er heißt auch nicht Burkhardt. Sein Name ist Reiner Schleberger und er ist Schauspieler am Schleswig-Holsteinischen Landestheater. Das Klassenzimmer im Obergeschoss des Gymnasiums am Ufer der Schlei ist der Ort für die Premiere des neuen Jugendstücks am Landestheater. Die Elftklässler sind Publikum und Kulisse zugleich.

Nach dem „Guten Morgen“ sagt Schleberger zunächst nichts weiter, sondern schreibt an die Tafel: „Der Burkhardt ist ’ne schwule Sau.“ Dann setzt er an zu einem halbstündigen Monolog. Der Lehrer erzählt, wie er, als er selbst noch Schüler war, darunter litt, anders zu sein als seine Klassenkameraden. Wie er Angst davor hatte, dass jemand entdecken könnte, dass er homosexuell ist. Wie er sich unglücklich in einen Mitschüler verliebte.

Die Domschüler folgen dem Theaterstück nahezu regungslos. Niemand tuschelt mit dem Sitznachbarn, niemand kichert. Als Schleberger durch die Klassenzimmertür abtritt, herrscht noch immer Schweigen. Erst als ein paar Lehrer, die die Premiere in der letzten Reihe verfolgen, zum Applaus ansetzen, klatschen auch die Jugendlichen.

Seit einigen Jahren hat das Landestheater Klassenzimmerstücke wie dieses im Programm. Die mobile Produktion kann praktisch überall aufgeführt werden, am authentischsten natürlich in einem echten Klassenraum. Und so wird Schleberger in den nächsten Monaten durch Schulen in halb Schleswig-Holstein touren – wo immer ein Lehrer ihn gebucht hat.

Und weil im Unterricht Kultur nicht einfach konsumiert wird, wird anschließend über das Stück diskutiert. Nach der Premiere waren Schleberger, Theaterpädagogin Janina Wolf und Regisseur Konrad Schulze besonders gespannt auf die Reaktion der Schüler. Wirkte der Auftriff des schwulen Lehrers realistisch? Gibt es an der Schule Vorurteile gegen Homosexuelle?

Die Antwort der Schüler auf beide Fragen lautete: Nein. Kein Lehrer würde sein Intimleben so sehr vor einer Klasse ausbreiten, meinte ein Mädchen. Das würde die Klasse auch überhaupt nicht wollen. „Die Lehrer interessieren sich für unsere privaten Probleme ja auch nicht.“ Und das Graffitto mit der „schwulen Sau“, das für Burkhardt der Anlass war für sein Coming-Out? So etwas, meint ein Mädchen, sei an der Domschule unvorstellbar. „Vielleicht an der Gemeinschaftsschule. Aber bei uns herrschen Respekt und Anstand.“ Als die Theaterpädagogin einwendet, sie habe auf dem Hof der Domschule aber mehrmals „schwul“ als Schimpfwort gehört, bekommt sie zur Antwort, das Wort werde „mehr in einem allgemeinen Sinne“ verwandt und habe nichts weiter zu bedeuten.


>Schulen können das mobile Klassenzimmerstück „Coming Out“ von Jutta Schubert buchen unter Telefon 0 46 21-96 70 38.

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