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Kreis Schleswig-Flensburg : Teilzeit und Minijob auf dem Vormarsch

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

48,7 Prozent aller Jobs im Kreis Schleswig-Flensburg sind keine „Normalarbeitsverhältnisse“, mit denen der Lebensunterhalt gesichert werden kann. Gewerkschaft und Arbeitgeber interpretieren die Zahlen unterschiedlich.

Weit über dem Bundesdurchschnitt liegt der Kreis bei der Zahl gering bezahlter Beschäftigungsverhältnisse. In jedem zweiten Job reicht der Verdienst nicht aus, um davon seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Nach einer aktuellen Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung waren im vergangenen Jahr 48,7 Prozent aller Jobs keine „Normalarbeitsverhältnisse“. Im Vergleich zu 2003 bedeutet das einen Anstieg von 11,2 Prozent. Zu „atypischer Beschäftigung“ zählt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Teilzeit- und Leiharbeit sowie Mini-Jobs und spricht von einer prekären Situation. Die Arbeitgeber im Norden sehen das ganz anders.

Bundesweit waren im vergangenen Jahr 43,3 Prozent aller abhängigen Beschäftigungsverhältnisse Minijobs, Teilzeitstellen oder Leiharbeit. „Das ist angesichts des vergleichsweise guten Arbeitsmarktes und des Fachkräftemangels eine ganz fatale Entwicklung“, sagt DGB-Nordwest-Geschäftsführerin Susanne Uhl. Allzu häufig sei diese Arbeit geringer bezahlt und sozial schlechter abgesichert. Nach den Erhebungen des WSI ist insbesondere der Anteil der Teilzeitarbeit im Kreis Schleswig-Flensburg angestiegen, von 15,6 Prozent in 2003 auf 21,3 Prozent in 2013. Ähnlich verhält es sich mit den Minijobs (21,9 Prozent zu 27,1 Prozent). Die Zahl derer, die neben ihrem Haupt- noch einem Minijob nachgehen, hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht – von 2091 auf 5862. „So müssen möglicherweise geringe Verdienste in der Hauptbeschäftigung aufgebessert werden“, sagt Susanne Uhl.

Ob das tatsächlich so ist, wurde nicht erhoben. Und genau das ist der Punkt, an dem eine konträre Bewertung der Lage ansetzt. So bezweifelt etwa der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Flensburg-Schleswig-Eckernförde, Fabian Geyer, den gravierenden Anstieg generell. Aus Sicht des Verbandes seien die Zahlen aktuell nicht gestiegen, zugleich sei die Quote sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im Kreisgebiet konstant geblieben. Minijobs seien vornehmlich in haushaltsnahen Dienstleistungen entstanden, sagt er. Die Stellen würden vielfach von älteren Menschen etwa nach der Frühverrentung besetzt, weil diese nicht zum „alten Eisen“ gehören wollten. Und, so Geyer: „Teilzeit wurde auf Druck der Gewerkschaften ins Gesetz aufgenommen, und jetzt stellen die das als prekär dar.“ Dabei kommen diese Beschäftigungsverhältnisse in den meisten Fällen zustande, „weil die Mitarbeiter das wollen“. Freiwilligkeit und Zuverdienst sagen also die Einen, Notwendigkeit aus sozialer Not die Anderen.

Für den Kreis, der für die Langzeitarbeitslosen zuständig ist, zählen zahlreiche geringfügig Beschäftigte zum festen Kundenstamm, der aber mit massivem Druck reduziert werden soll. Nach Angaben von Stephan Asmussen, Fachbereichsleiter Regionale Integration, verdienen 1700 Hartz-IV-Klienten im Kreis unter 450 Euro, müssen also „aufstocken“, das heißt: Sie beziehen zusätzlich Sozialleistungen, um ihr Leben finanzieren zu können. Damit widerspricht er auch der Arbeitgeberseite. Asmussen: „Wir haben darunter zudem einen hohen Anteil alleinstehender Männer, die sich im Arbeitslosengeldbezug plus maximal 165 Euro Zuverdienst eingerichtet haben. Die haben wir im Fokus – mit massivem Druck.“ Und auch der Missbrauch von Minijobs durch Arbeitgeber sei sicher kein Massenphänomen, so Asmussen, „aber es gibt durchaus eine Tendenz“.

Soweit Arbeitgeber und Gewerkschaften bei der Beurteilung von Minijob, Leiharbeit und Teilzeitbeschäftigung auseinander liegen, so sind sich die Vertreter im Norden doch in einem einig. Es sei nicht hinnehmbar, wenn Arbeitnehmer von einem Vollzeitjob ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, betont Geyer. „Das sehen auch wir mit großer Sorge.“ Daher sei die Einführung des Mindestlohns ein „sozialpolitisch richtiger Weg“.

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erstellt am 28.Okt.2014 | 07:43 Uhr

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