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Schleswiger Speeldeel : Szenenapplaus für den Baggerfahrer

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Schleswiger Speeldeel wagt sich erfolgreich an ein Ein-Personen-Stück mit Lutz Schnoor in der Rolle einer gescheiterten Existenz. Die Vorlage stammt von der schwedischen Krimi-Legende Henning Mankell.

shz.de von
erstellt am 06.Jan.2014 | 07:45 Uhr

Ein-Personen-Stücke auf der Bühne bieten immer ein Risiko. Wenn tatsächlich nur ein einziger Mensch die Szene beherrscht, dann gibt es keinerlei Handlungen – höchstens die Bewegungen und vielleicht die Gebärdensprache der Einzelperson – so denkt man. Doch das Stück „Bagger“, das am Sonnabend bei der Schleswigers Speeldeel Premiere hatte, bot etwas anderes. Es stammt von dem schwedischen Krimi-Autor Henning Mankell: er nennt es „Grävskopan“, auf Deutsch „Der Bagger“. Hansjörg Betschart hat es ins Deutsche übertragen. Horst Seegebarth stellte die plattdeutsche Fassung her und verlegte die Handlung nach Schleswig-Holstein – es kam sogar die Königsberger Straße in Schleswig vor.

Bei diesem Ein-Personen-Stück fanden sich immerhin zwei Personen auf der Bühne – allerdings sprach nur eine. Der Gegenpart war der stumme Wirt, dargestellt von Horst Seegebarth. Er hatte selbst Regie geführt, sprach nun aber kein einziges Wort. Allerdings unterstrich er – beim Kreuzworträtsel-Raten – die Handlung durch Mimik und Gestik – und durch das ständige Nachschenken des Whiskeys.

Lutz Schnoor alias „Rune F. Lindemann“, der Baggerführer, denkt über sein Dasein nach – über Höhen und Tiefen, und letztere gab es reichlich in seinem Leben. Beinahe wäre er Fußballstar beim HSV geworden, beinahe wäre er ein idealer Familienvater geworden. Auch wollte er einmal Zauberer werden (das Wort „Töwerer“ löste im Publikum manch Rätsel aus) – es hat aber alles nicht geklappt. Er hat auch nur 49 Prozent Anteil an dem Bagger, die anderen 51 Prozent gehören sein Chef Johannsen, von dem er sich drangsaliert fühlt. Er übt Kritik an der Gesellschaft, am Steuersystem, an der Wirtschaft, an der Politik, auch an seinem Vater, sogar an der Musik, die die Cellospielerin Hannah Frank exzellent zum Klingen bringt. Rune F. Lindemann meditiert über seinen Haarausfall, schon mit 21 Jahren war er zum Glatzkopf; er räsonniert über alles in der Welt, auch über die moderne Kunst, und es wird auch deutlich, wie der reichliche Alkoholgenuss langsam seine Wirkung zeigt. Er sinniert über seine gescheiterte Ehe, meint „Joggen ist ätzend“, denkt über seinen eigenen Grabstein nach. Ja, er hält sich selbst für überflüssig, denn sein Lebensmotto ist „Du bruukst een, op de du töwen kannst!“ – und diesen Menschen hat er nicht. Er sei beileibe kein Rassist, nein, das weist er weit von sich, aber manche seiner Ansichten liegen nur knapp daneben.

Auch Gott und die Welt kommen in seiner Meditation vor, und die Sache mit dem Zahnstocher war ein kleines Kabinettstückchen. Lutz Schnoor erhielt Szenenapplaus für seine Gesangs- und Tanzdarbietung.

Der häufige Wechsel der Position und auch der Mimik waren ansprechend und überzeugend – bisweilen wurde er auch sentimental. Hoch zu loben ist sowohl die Gedächtnisleistung – der Schauspieler sprach über mehr als anderthalb Stunden völlig frei – als auch seine Darstellungsweise: beides war absolut treffend!

Uwe Petersen hatte eine herzliche Begrüßung gesprochen, die Technik hatte Georg Funk besorgt, und Roswita Stoschus war eine aufmerksame Souffleuse. Das Publikum war hellauf begeistert und spendete dieser Premiere reichen Beifall. Auf dem Theaterplan stehen noch neun weitere Aufführungen dieses sehenswerten Stückes.

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