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Tornados aus Jagel : Syrien-Mission: Wie sich die Soldaten bei ihrem Einsatz fühlen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Oberst Michael Krah spricht im Interview über die gefährliche Syrien-Mission der Jageler Soldaten - und die Zusammenarbeit mit den Verbündeten.

shz.de von
erstellt am 15.Jan.2016 | 17:48 Uhr

Oberst Krah, seit einer Woche fliegen deutsche Tornados Aufklärungseinsätze über Syrien und dem Irak. Sind Sie selbst auch schon dabei gewesen?

Michael Krah: Nein. Für diesen Einsatz habe ich meine Besatzungen, die dafür bestens ausgebildet sind. Meine Rolle als Kommodore ist nicht im Flugzeug, sondern am Boden. Ich führe das Geschwader und halte meinen Piloten den Rücken frei. Ich sorge dafür, dass die Ausrüstung optimal ist und die Rahmenbedingungen stimmen. Man muss zu jedem Zeitpunkt wissen, wo sein Platz ist.

Seit Mittwoch sind alle sechs deutschen Tornados auf dem Nato-Stützpunkt Incirlik (Türkei) voll einsatzbereit. Vier Maschinen kommen vom Taktischen Luftwaffengeschwader 51 „Immelmann“ aus Jagel. Insgesamt sind 210 Bundeswehrsoldaten im Einsatzkontingent, davon derzeit 131 aus Jagel.

Aber Sie würden schon gerne selbst fliegen?

Ich verleugne nicht, dass es in mir schon ein bisschen juckt. Aber ich bin Profi genug. Ich weiß, dass meine Piloten einen guten Kommodore brauchen. Und der ist am besten am Boden.

Mit welchem Gefühl steigen Ihre Piloten in die Maschinen?

Die Piloten gehen schon mit einem mulmigen Gefühl ins Cockpit. Aber auch mit Zuversicht und dem Selbstbewusstsein, dass sie sich auf ihre Ausbildung und das Material verlassen können. Sie kennen das Szenario ja schon aus Afghanistan. Und die Kameraden sind auch stolz, dass sie die ersten sind, die in diese Operation mit einsteigen dürfen.

Wie nehmen Sie und Ihre Piloten die Bedrohungslage wahr?

Wir wissen natürlich genau, über welche Waffen der IS verfügt. Was die Flughöhen betrifft, müssen wir abwägen zwischen der Bedrohung und der notwendigen Qualität der Aufklärungsprodukte, die wir liefern sollen. Da muss man den richtigen Kompromiss finden. Wir wissen, wie wir agieren müssen, um die Bedrohung auf ein Minimum zu begrenzen.

Kann es auch passieren, dass Ihre Tornados im Luftraum russischen Maschinen begegnen?

Das kann durchaus sein, gerade im Luftraum über Syrien. Dort agieren sowohl Luftfahrzeuge der Koalition als auch der Russen. Und solche Begegnungen passieren auch tatsächlich regelmäßig. Aber es gibt gewisse Verhaltensregeln, damit sich die Flugzeuge nicht zu nahe kommen.

Hat es schon brenzlige Situationen gegeben?

Das ist mir persönlich nicht bekannt. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Solche Informationen dürfte ich auch nicht weitergeben.

Sie sind einer der erfahrensten Soldaten der Luftwaffe, waren schon auf dem Balkan und in Afghanistan im Einsatz. Wie unterscheidet sich diese Mission von den vorangegangenen?

Die Besonderheit dieses Einsatzes liegt in erster Linie darin, dass wir zum ersten Mal nicht unter Führung der Nato operieren. Wir haben hier eine Koalition, die von den USA geführt wird. Da sind die Verfahren und Führungsmittel etwas anders. Darauf mussten wir uns erstmal einstellen. Für die Besatzungen in der Luft unterscheidet sich dieser Einsatz von dem in Afghanistan, dass sie von außen ins Einsatzgebiet einfliegen. Wir können von Incirlik aus gemeinsam mit den Amerikanern und den Türken agieren. Und die Zusammenarbeit klappt wirklich hervorragend.

Es ist häufig die Kritik zu hören, Deutschland leiste mit den sechs Aufklärungs-Tornados lediglich einen symbolischen Beitrag in der internationalen Anti-Terror-Koalition. Wird Ihnen das auch so entgegengebracht?

Nein, das habe ich hier noch nicht gehört. Man ist in erster Linie froh, dass Deutschland dabei ist. Und das wird nicht nur als politischer Beitrag gewertet, sondern sehr wohl als militärischer Beitrag – und der wird hier sehr gerne gesehen, auch von den Amerikanern. Mit unseren Tornados stellen wir eine sehr sinnvolle Ergänzung zu den bereits vorhandenen Aufklärungsmitteln dar. Ich darf mit Stolz sagen: Die Reaktionen auf unsere Produkte waren sehr positiv. Nicht nur was die Qualität der Bilder betrifft – wir haben mit unserem neuen Aufklärungsbehälter ganz andere technische Möglichkeiten – , sondern auch was die Qualität der Auswertung angeht. Da setzen wir wieder einmal Standards.

Das heißt, auf Grundlage Ihrer Bilder werden IS-Kämpfer angegriffen?

Die Bilder sind ein Beitrag für die Koalition, es fließen aber noch andere Informationen mit ein.

Der blutige Anschlag auf deutsche Touristen in Istanbul könnte damit zusammenhängen, dass die Bundeswehr sich am Kampf gegen den IS beteiligt. Drückt das auf die Stimmung im Einsatzkontingent?

Der Anschlag hat natürlich auf die Stimmung gedrückt. Dass deutsche Staatsbürger unweit von hier zu Tode gekommen sind, macht uns sehr traurig. Unser Mitgefühl gilt allen Angehörigen der Opfer. Aber ich möchte mich nicht an solchen Spekulationen beteiligen, dass ein Zusammenhang mit unserem Einsatz besteht. Wir konzentrieren uns weiterhin auf unseren Auftrag.

Wurden die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Nato-Stützpunkt Incirlik noch einmal verschärft?

Die Basis ist schon seit Beginn des Einsatzes sehr gut bewacht durch die Amerikaner und die Türken. Das ohnehin hohe Sicherheitsniveau ist auch der Grund, warum unsere Soldatinnen und Soldaten die Basis nicht verlassen.

Sie und viele Ihrer Soldaten sind schon seit einigen Wochen in Incirlik, haben dort Weihnachten und Silvester verbracht. Kommt schon ein bisschen Heimweh auf?

Bei dem einen oder anderen kommt natürlich Heimweh auf. Auch ich selber kann mich davon nicht ganz freisprechen. Als Vater wäre ich Weihnachten und Silvester auch lieber bei meiner Familie gewesen. Aber es hilft, dass die Stimmung im Kontingent sehr gut ist.

 

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