Mediation : Streit schlichten, ohne auf die Paragraphen zu schauen

Schleswiger Erfolgsmodell: OLG-Präsidentin Uta Fölster und Richter  Dr. Martin Probst (rechts) mit Tagungs-Teilnehmer Dr. Ulrich Wimmer vom Berliner Kammergericht. Foto: Jensen
Schleswiger Erfolgsmodell: OLG-Präsidentin Uta Fölster und Richter Dr. Martin Probst (rechts) mit Tagungs-Teilnehmer Dr. Ulrich Wimmer vom Berliner Kammergericht. Foto: Jensen

OLG-Richter aus ganz Deutschland tauschten in Schleswig ihre Erfahrungen als Mediatoren aus

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01. April 2011, 09:11 Uhr

Schleswig | Vor fünf Jahren wurde Dr. Martin Probst von manchen noch belächelt. Damals führte er zusammen mit einigen Kollegen die Mediation am Oberlandesgericht (OLG) ein - die Streitschlichtung außerhalb einer Gerichtsverhandlung und ohne den ständigen Blick auf Paragraphen. So etwas, meinten damals viele Juristen, sei fürs Amtsgericht eine gute Idee, an einem Oberlandesgericht aber könne es gar nicht funktionieren. Denn gehe ein Rechtsstreit in die Berufung, seien die Fronten viel zu verhärtet. Wenn ein Fall am Oberlandesgericht landet, gibt es bereits ein Urteil aus der ersten Instanz. Wer dort gewonnen hat, dessen Interesse an einer außergerichtlichen Einigung ist meistens eher gering.

Die Schleswiger Richter wagten den Versuch dennoch. Im Jahr 2006 waren sie nach ihren Rostocker Kollegen erst die zweiten in ganz Deutschland. Heute gibt es an 15 der 21 deutschen Oberlandesgerichte Richter, die auch als Mediatoren tätig sind. In dieser Woche trafen sie sich zum Erfahrungsaustausch in Schleswig. Dabei wurde deutlich: Nicht überall sind sie schon so etabliert wie im hohen Norden. Die Skepsis ist noch nicht ganz verflogen. Ein Berliner Richter, der sich seit zwei Jahren mit Scheidungssachen beschäftigt, meinte zum Beispiel: "Wenn Ehepartner wegen des Umgangsrechtes mit ihren Kindern in Berufung gehen, dann hat in der Regel mindestens einer der beiden eine Meise." Aber ist das ein Hindernis für eine erfolgreiche Mediation und gerade ein Grund mehr, diesen Weg zu versuchen? Die Schleswiger Richterin Dr. Christine von Milczewski, die im Rahmen der Tagung eine Arbeitsgruppe zur Mediation in Familiensachen moderierte, räumte ein, dass es schwierig sei "im Umgang mit psychisch labilen Parteien zu einem Ergebnis zu kommen". In der Diskussion wurde aber deutlich: Wenn ein Streit um die Kinder nach außen völlig irrational erscheint, liegen die Ursachen häufig ganz woanders. Beim Mediationsgespräch mit Kaffee und Keksen kommen Kränkungen aus der Vergangenheit zur Sprache, die in einer normalen Gerichtsverhandlung keine Rolle spielen. Manchmal hilft es schon, dass im Vorwege des Mediationsgespräches die Anwälte aufhören, bitterböse Briefe zu schreiben.

Der öffentliche Erfolg der Mediation ist inzwischen so groß, dass OLG-Präsidentin Uta Fölster sich gestern veranlasst sah, klarzustellen, dass "Mediation ein zusätzliches sehr sinnvolles Angebot" sei, die "Kärrnerarbeit" aber werde in den übrigen Prozessen geleistet. Fölster: "Manchmal entsteht der falsche Eindruck, was wir bisher gemacht haben, war alles Quatsch, und die Mediation befreit die Menschen jetzt vom Unheil des Gerichtsurteils." Im vergangenen Jahr fanden am Schleswiger Oberlandesgericht 120 Mediationen statt - bei insgesamt 1400 Verfahren.

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