Schleswig : Streit schlichten bei Kaffee und Gebäck

Amtsgerichtsdirektorin Susanne Bracker (l.) und Güterichterin Inga Kayser im Mediations-Saal, in dem die Streitparteien nach einer Konfliktlösung suchen.
Amtsgerichtsdirektorin Susanne Bracker (l.) und Güterichterin Inga Kayser im Mediations-Saal, in dem die Streitparteien nach einer Konfliktlösung suchen.

Mediationsverfahren sind auch im Schleswiger Amtsgericht immer mehr im Kommen.

shz.de von
16. August 2018, 15:00 Uhr

Da stehen sich die Streithähne jahrelang unversöhnlich gegenüber, lassen nur noch Anwälte für sich sprechen – und dann passiert Unglaubliches: Plötzlich reden sie wieder miteinander. Vielleicht sogar darüber, warum sie so enttäuscht oder verzweifelt sind und sich übervorteilt fühlen. Etwa bei Ehescheidungen, Erbstreitigkeiten oder Nachbarschaftsproblemen.

Wenn Konfliktparteien ihren juristischen Kampf ums Rechthaben beiseite schieben können und sich stattdessen für eine gütliche Einigung außerhalb des Gerichtssaals entscheiden, ist das der Einstieg in eine geglückte Mediation. In eine erfolgreiche Vermittlung zwischen den Streitenden – mit Unterstützung des Güterichters und der Anwälte. Damit können sich die Kontrahenten oftmals nicht nur weiteren Ärger plus Kosten ersparen. Und auch innerlich können sie nach manchmal nervenaufreibenden Auseinandersetzungen versöhnter aus der ganzen Sache herauskommen.

Was hier fast zu schön klingt, funktioniert in der Praxis tatsächlich. Inga Kayser (38) ist Richterin am Amtsgericht Schleswig und hat die Zusatzqualifikation als sogenannte Güterichterin. Die Mediation ist zu ihrem Spezialgebiet geworden und auch, wie sie sagt, zu ihrer „beruflichen Leidenschaft“. Seit 2011 gibt es am Amtsgericht Schleswig gerichtliche Mediation, und Anfang dieses Jahres hat das Amtsgericht eine eigene Mediations-Abteilung mit derzeit fünf Güterichterinnen und -richtern geschaffen, die von Inga Kayser geleitet wird. Eine Mediation beim Güterichter setzt immer voraus, dass die Streitparteien sich aus freien Stücken für diesen Weg entscheiden, anstatt eben den Prozess vor Gericht weiter fortzusetzen.

Mediation ist stark im Kommen unter den Streitenden im Lande. So ist die Tendenz erkennbar, dass immer mehr rechtliche Auseinandersetzungen vor dem Güterichter landen. Auch in Schleswig. „Seit 2016 registrieren wir eine starke Zunahme von Mediations-Fällen“, bestätigt Amtsgerichts-Direktorin Susanne Bracker gegenüber den SN. Bei über drei Viertel der Mediationen stehe am Ende eine einvernehmliche Lösung. In diesem Jahr sei sogar nur in zwei Fällen eine Streitschlichtung gescheitert, hier kehrten die Konfliktparteien wieder zur Gerichtsverhandlung zurück, berichtet Kayser.

Was genau passiert da hinter verschlossenen Türendes Mediationssaals? Wie geht der Güterichter vor, wenn er es mit Menschen zu tun hat, die in tiefem Zerwürfnis feststecken?

„Vor allem unterscheidet sich die Atmosphäre im Mediationsraum grundsätzlich von der im Gerichtssaal“, sagt Inga Kayser und beschreibt, wie angenehm und gemütlich der Raum eingerichtet ist: „Außerdem stehen Gebäck, Naschsachen und Kaffee oder Tee auf dem Tisch, und natürlich habe ich auch meine schwarze Richterrobe abgelegt.“ Man sitzt hier gemeinsam am Tisch, und Güterichterin Inga Kayser verhört nicht die Streitenden, sondern hört ihnen zu. Fördert die Kommunikation, wenn es nötig ist. Juristische Sichtweisen stehen in diesem Gespräch, das absolut vertraulich ist und auch einmal länger als zwei Stunden dauern kann, im Hintergrund.

Während ein Richter in der Verhandlung schon mal den Kläger mit den Worten „das gehört nicht hierher“ unterbricht, kommen im Mediationsverfahren viele Dinge zur Sprache, die scheinbar nur am Rande eine Rolle im Streit spielen, aus Sicht der Betroffenen jedoch damit verwoben sind. Inga Kayser meint: „Deshalb sehe ich im Mediationsverfahren so große Chancen für eine Streit-Beilegung, weil so vieles angesprochen wird, was mit dazu geführt hat, dass der Streit derart eskalieren und sich verfestigen konnte.“

Mancher Streit scheint wie in Beton gegossen. Doch können die verhärteten Fronten aufgebrochen werden, weil der Güterichter in seiner Vermittlerrolle für einen fairen Umgang untereinander sorgt und die Streitparteien alles zur Sprache bringen können, was ihnen schon lange auf der Seele liegt. „Dabei fließen auch mal Tränen“, sagt Inga Kayser, „und es passiert, dass beispielsweise Ex-Partner, die lange nichts mehr miteinander zu tun haben wollten, sich nun plötzlich einander zuwenden und anfangen, ihre lange aufgestauten Probleme zu regeln.“ Das sei dann der Anfang zu einer Einigung, die von den Streitparteien selbst und freiwillig erarbeitet und ihnen nicht auferlegt wird durch ein Gerichtsverfahren. Selbst wenn dabei Zugeständnisse gemacht werden, gebe das Betroffenen nach dem langen Streit oft ein Gefühl des inneren Friedens zurück, hat Kayser erlebt. „Und mich als Güterichterin bewegt es jedes Mal, gemeinsam mit den Streitparteien eine Lösung zu finden, die von allen Beteiligten dann auch akzeptiert werden kann.“

„Die Mediation ist eine Erfolgsgeschichte“, davon sind Susanne Bracker und Inga Kayser überzeugt. Deshalb wird gerade ein zweiter Mediations-Saal am Amtsgericht eingerichtet.



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